23. April 2021
#neustartwirkt für jede*n, Förderbereich Veranstaltungsorte für Konzert, Tanz und Theater

„Wir sind da und wir sind lebendig!“ – Mit Streaming in der Pandemie Barrieren überwinden

Von:  Sven Rosenberger

Die Pandemie verkehrte den kulturpolitischen Anspruch einer „Kultur für alle“ ins Gegenteil. „Kultur für niemanden“ hieß es zunächst im März 2020. Für Kulturschaffende stellte sich die Frage, wie sie ihr Publikum trotz geschlossener Türen erreichen können. Das Kindertheater Mummpitz und der Jazzclub Unterfahrt zeigen mit jazzigen Streams, wie sie Barrieren überwinden.

„Wir überlegten schon zu Beginn der Pandemie, ob wir Jazz für Kinder online anbieten“, erinnert sich Autor und Schauspieler Michael Schramm vom Theater Mummpitz. Gemeinsam mit den Musikern Ferdinand Roscher und Gabriel Drempetic entwickelte er zu Beginn der Pandemie die Idee, das erfolgreiche Bühnenformat als Online-Format auf Youtube fortzuführen.
Schramm ist inhaltlicher, Roscher musikalischer Leiter. Produktionsleiter Drempetic führt als König Semmelwurst durch die 20-minütigen Shows, die einen einzigartigen Mix aus Puppentheater und Jazz bieten.

Seit Anfang April 2020 begeistern Roscher, seine Musikerkollegen und Puppenspielerin Panja Rittweger mit kindergerechten Geschichten und Jazz, der nicht nur den Jüngsten Spaß macht. Acht Folgen können bisher auf Youtube angeschaut werden. Die Resonanz auf das Online-Angebot des Kindertheaters ist beachtlich. Die erste Folge, bei der ein teuflischer Husten besiegt werden muss, erreichte bisher über 5.000 Aufrufe. Autor Schramm freut sich über den Erfolg: „Wir hatten zuerst keine Vorstellung davon, wie das Programm angenommen wird. Jazz für Kinder ist bei uns auf der Bühne eine Erfolgsgeschichte. Insofern war natürlich schon die Hoffnung da, dass sich der Zuspruch der Zuschauer*innen fortsetzt. Dass es dann so viele wurden, hat uns doch positiv überrascht.“

Jazzclub Unterfahrt – durch Streaming mehr Menschen erreichen

Positiv blickt auch Michael Stückl, Vorstand und künstlerischer Leiter des Förderkreises Jazz und Malerei München e.V., auf die ersten Streaming-Erfahrungen des international renommierten Jazzclubs Unterfahrt zurück: „Wir haben einen deutlichen Zuwachs an Fördermitgliedern verzeichnen können, wir konnten den Musikern sehr gute Honorare bezahlen und wir haben unser Publikum nicht nur gebunden, sondern dieses mit Sicherheit sogar vergrößern können.“ Der Mediziner Stückl engagiert sich seit den 1980ern für das Fortbestehen des Jazzclubs und wurde dafür von der Stadt München ausgezeichnet.

Die Unterfahrt hat ihre Heimat in der Einsteinstraße in der Münchner Innenstadt. Der 160 Personen fassende Jazzkeller kann in seiner 40-jährigen Geschichte auf mehr als 12.000 Konzerte zurückblicken. Dort wo sonst nationale und internationale Größen des Jazz sowie Nachwuchskünstler*innen auftreten, kehrte im März 2020 wie im ganzen Land die Stille ein. Stückl und seinem Team war klar, dass andere Wege gefunden werden mussten, Musiker*innen und Publikum zusammenzubringen. Schnell wurde die notwendige technische Ausstattung organisiert und am 11. April 2020 das erste Konzert gestreamt. Bis zum Ende des Jahres wurden so 190 Konzerte aus dem Münchner Jazzkeller in heimische Wohnzimmer übertragen.

Die Online-Konzerte der Unterfahrt erfreuen sich nicht zuletzt dank einer professionellen technischen Ausstattung großer Beliebtheit: Durchschnittlich schauen sich doppelt so viele Zuschauer*innen ein Konzert per Live-Stream an, wie normalerweise im Jazzkeller Platz finden.

Mit Qualität die Zielgruppen begeistern

Bei der Produktion der Streams legt die Unterfahrt ein besonderes Augenmerk auf die Qualität von Bild und Ton, um sich von den in der Pandemie allgegenwärtigen Wohnzimmerkonzerten abzuheben „Wenn man das Publikum 90 Minuten in einem Livestream halten will, dann muss die Qualität höchst professionell sein“, erklärt Stückl. Für die herausragende Qualität der Konzert-Streams sorgen sechs festinstallierte, fernsteuerbare Kameras und ein professioneller Bildregieplatz, die durch das NEUSTART Sofortprogramm gefördert wurden.

Die Qualität der Aufnahmen ist auch den Theatermacher*innen in Nürnberg wichtig. So werde der Ton noch in einem Tonstudio nachbearbeitet, erklärt Schramm. Einen regionalen Fernsehsender überzeugten die Aufnahmen derart, dass die Jazzreihe nun auch im Fernsehen laufe. Doch der Autor weiß aus der 40-jährigen Erfahrung des Kindertheaters, worauf es bei seinen jungen Zuschauer*innen am meisten ankommt: „Gute Musik, eine Geschichte die Kinder mitnimmt, Aktionen, die Kinder zum Mitmachen animieren und natürlich Spaß!“ So rege man die Kinder an, selbst Musik zu machen und die Geschichten mit allen Emotionen zu erleben.

Jazz für jede*n

Die Mehrheit der im Rahmen des NEUSTART Sofortprogramms entwickelten Streams stehen den Nutzer*innen kostenlos zur Verfügung. Auch in Nürnberg sind sich Theatermacher*innen treu geblieben: „Jazz für Kinder war immer als kostenloses oder sehr günstiges Angebot an unsere Besucher*innen gedacht. Wir wollen dieses Format allen Menschen zur Verfügung stellen, unabhängig vom Einkommen.“

Doch die Spendenbereitschaft der Menschen ist groß. „Das positive Feedback, das wir erhalten, zeigt sich vor allem auch durch eine hohe Spendenbereitschaft bei den Zuschauern,“ berichtet Michael Stückl. „Viele spenden freiwillig deutlich mehr, als wir für ein Onlineticket verlangen könnten. Wir sind relativ sicher, dass wir durch die Kombination aus Freiwilligkeit ein deutlich größeres Publikum und deutlich höhere Einnahmen erreichen.“ Die kostenlosen digitalen Angebote sichern in der Pandemie die kulturelle Teilhabe. Ohne weitere Förderungen und Spenden oder der Etablierung kostenpflichtiger Streaming-Angebote ließe sich die zusätzliche digitale Kulturvermittlung aber wohl kaum in eine Post-Corona-Zeit übertragen.

Streaming-Angebote müssen langfristig erhalten bleiben

Ob der jazzige Kasperl auch zukünftig im Netz unterwegs sein wird, ist für Michael Schramm ungewiss: „Wir würden zu Beginn der neuen Spielzeit das Online-Format gerne fortsetzen. Dies hängt natürlich von vielen Faktoren ab: Zeit, Geld, Ressourcen der Mitarbeiter*innen. Im Grunde bräuchten wir dafür eine zusätzliche Förderung.“ In der Unterfahrt gehen die Pläne schon weiter. Hier gab es schon vor der Pandemie Überlegungen, Konzerte gegen Kauf eines Tickets im Stream zu übertragen. Mit der geförderten technischen Ausstattung und dem in der Pandemie entwickelten Know-how werden in einer Post-Corona-Zeit auch Menschen mit einem Online-Angebot versorgt werden können, die kein Ticket mehr bekommen haben oder denen die Anreise zu weit ist.

Streams bauen Barrieren ab

Ein Jahr nach Beginn der Pandemie ist das Streaming von kulturellen Angeboten weit verbreitet. Aus der Not haben sich viele der geförderten Kultureinrichtungen in die digitale Kulturvermittlung geflüchtet und Spaß daran gefunden. Sicher, die Flucht ins Digitale wird kein Exil bleiben. In einer Post-Corona-Zeit werden Bühnen belebt und Säle gefüllt sein. Streams werden weniger. Kultur wird wieder hauptsächlich über das körperliche Begegnen und den zwischenmenschlichen Austausch erlebbar. Doch was aus der Not entstanden ist, wird nachwirken. Das Digitale hat mit der Krise endgültig Einzug in die Kulturvermittlung gehalten. Und es wird bleiben. Streams – seien sie kostenlos oder -pflichtig – bauen Barrieren ab: So kann jede*r unabhängig von Ort oder Zeit, trotz körperlicher oder geistiger Beeinträchtigungen an kulturellen Angeboten partizipieren.


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