25. März 2021
#neustartwirkt digital, Förderbereich Museen, Ausstellungshallen und Gedenkstätten

Die Pandemie als Beschleuniger der digitalen Öffnung von Museen

Von:  Luise Knoll

Das NEUSTART Sofortprogramm ermöglichte Museen, neue digitale Vermittlungsstrategien für den Museumsbesuch zu entwickeln. Die Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung im Münsterland, die Museen der Stadt Schwedt/Oder und die Saigerhütte im Erzgebirge haben mit multimedialen Angeboten digitale Zugänge zu ihren Ausstellungen geschaffen. So entstand vielerorts das erweiterte Museum.

Eine Virtual-Reality-Brille, kurz VR-Brille, zeigt eine digitale künstliche Welt, die die Realität widerspiegelt. Das Haus Rüschhaus im Münsterland, viele Jahre der Wohnsitz der Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff, hat zwei VR-Brillen angeschafft. Damit können die Besucher*innen in einem 360 Grad Rundgang die Wohnräume der berühmten Literatin kennenlernen, ohne direkt durch die Räume zu gehen. Die Enge des Hauses lässt eine Besichtigung unter Einhaltung der Abstandsregeln kaum zu, deshalb ermöglicht der virtuelle Rundgang die Aufrechterhaltung des Kulturangebots während der Pandemie.

Ein neuer Blick auf Exponate

Viele Museen bewegen sich beim Einsatz der futuristischen Brillen auf Neuland. „Es wird eine neue ästhetische Sicht entwickelt“, betont Kerstin Mertenskötter, Projektleiterin von Droste Digital. Die 360-Grad-Aufnahmen, die sich mit den VR-Brillen betrachten lassen, gewähren durch Heranzoomen und den Einsatz von Lichteffekten einen neuen Blick auf die ausgestellten Exponate. Kerstin Mertenskötter ist überrascht, wie gut das Angebot der VR-Brillen über die Altersgruppen hinweg angenommen wurde: „Auch die Menschen, die damit zunächst nichts anfangen konnten, waren nach dem 20-minütigen Rundgang begeistert. Familien, die eine Fahrradtour zur Burg Hülshoff gemacht haben, legten eine Pause ein und Kinder sind gezielt zu den VR-Brillen gegangen.“

Als weiteres digitales Angebot sind vier Videos zu Befreundeten Objekten entstanden, die von den Mitarbeiter*innen vorgestellt werden. Autor*innen haben dazu Texte verfasst und sie selbst eingelesen. Auch während der Schließung der Einrichtung können Interessierte sich Objekten wie der Kutsche, mit der Annette Droste-Hülshoff nach Münster fuhr, oder dem Herd als Zentrum der historischen Küche annähern.

Digitale Wissensvermittlung außerhalb der Museumsmauern

Für Kerstin Mertenskötter liegen die Vorteile der neuen digitalen Angebote klar auf der Hand: Es müssen keine großen Anfahrten zurückgelegt werden, um einen Einblick in museale Inhalte zu bekommen. Bilder und Videos außerhalb der Museumsmauern zur Verfügung zu stellen, bauen Berührungs- und Schwellenängste ab. Nutzer*innen bekommen Zugang zu den Museumsinhalten in ihrer vertrauten Umgebung, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Auch Menschen deren Mobilität eingeschränkt ist, können nun die Lebenswelt der berühmten Dichterin in Bild und Ton kennenlernen.

Das digitale Angebot ist dennoch eher eine Ergänzung des realen Museumsbesuchs als ein Ersatz. Die körperlich-sinnliche Dimension können Interessierte am intensivsten vor Ort erleben: Auf der kopfsteingepflasterten Burgzufahrt scheinen Gäst*innen noch das Pferdegetrappel der adeligen Kutsche zu hören, die die Dichterin für Reisen etwa ins vier Kilometer entfernte Münster nutzte. In der historischen Küche sticht den Besucher*innen Jahrhunderte alter Rußgeruch in die Nase.

Kontaktloser Abruf von Informationen mit individueller Route

Ganz real, dafür aber auf eigene Faust, lassen sich die historischen Bauten der ehemaligen Industriegemeinde Saigerhütte Olbernhau-Grünthal erkunden. Das Gelände im sächsischen Erzgebirge war jahrhundertelang ein Zentrum zur Gewinnung von Buntmetallen aus Erzen. Die Saigerhütte ist als Teil der Montanregion Erzgebirge seit 2019 UNESCO-Welterbe. Auf dem großflächigen Museumsareal befinden sich zahlreiche bauliche Denkmäler. Das Zentrum stellt die 1562 errichtete Lange Hütte dar.

Als Alternative zu persönlichen Führungen startete die Stadt Olbernhau ein bislang einzigartiges Projekt: Über Multimediasäulen, sogenannte Stecknadeln, sind Informationen direkt am jeweiligen Standort abrufbar. Damit wird eine kontaktlose Geländeführung rund um die Uhr ermöglicht. „Mit diesem neuartigen Stecknadelsystem werden die Besucher*innen in die Lage versetzt, sich kontaktlos im Gelände zu Häusern, Geschichte, Leben und Arbeit zu informieren“, erklärt Udo Brückner, Betriebsleiter für Kultur und Tourismus in Olbernhau. Die Stecknadelsäulen arbeiten mit Infrarot und Bewegungsmeldern, so dass ein Berühren nicht erforderlich ist. Die Besucher*innen erhalten zu Beginn eine Karte mit RFID-Chip, der die Kommunikation mit den Säulen übernimmt. So ausgerüstet bewegen sie sich frei über das Gelände und erhalten an den Säulen Informationen zu den jeweiligen Knotenpunkten. Ein weiterer Vorteil des Stecknadelsystems ist, dass die Besichtigung auf die individuellen Bedürfnisse der Besucher*innen angepasst werden kann: Je nach Altersgruppe, Vorkenntnissen und zur Verfügung stehender Zeit schlägt das System eine passende Route vor.

Mehr Orientierung im Gelände

Mit den frei wählbaren Routen wird das gesamte Gelände erschlossen. „Die Besucher*innen sind häufig orientierungslos durch das weitläufige Gelände gegangen und haben bestimmte Bereiche vernachlässigt“, schildert Udo Brückner. So wird beispielsweise der zuvor kaum beachtete Hüttenteich, in welchem das Wasser zum Antrieb von Wasserrädern gespeichert war, in den Routen berücksichtigt. Wer anstatt der Säulen sein Smartphone einsetzen möchte, kann eine Erweiterung für weitere zwölf Informationspunkte nutzen. Natürlich werden – abhängig von den Corona-Verordnungen – auch weiterhin Gruppenführungen angeboten. Doch für Menschen, die ihren Besuch individuell gestalten möchten, hat das Museum mit der neuen Technik ein attraktives Angebot auf dem Museumsareal umgesetzt.

Abbau von Barrieren durch Digitalisierung

Die an der Grenze zu Polen gelegene Stadt Schwedt/Oder hat für ihr Stadtmuseum, das Ritualbad und das Tabakmuseum einen 360 Grad Rundgang produzieren lassen. Auf der Webseite können Interessierte von Zuhause aus die Stufen des jüdischen Ritualbads hinabsteigen, im Gebetbuch des Martin Graf von Hohenstein blättern und die Geschichte des Tabakanbaus an der Unteren Oder kennenlernen. „Die Digitalisierung baut Barrieren ab. Auch Menschen, die physisch nicht in der Lage sind, die Museen zu besuchen, können einen Blick auf die Schwedter Geschichte werfen. Während der Pandemie-bedingten Schließung ist der virtuelle Rundgang ein Schatz für die Häuser“, erklärt Museumsleiterin Anke Grodon.

Auch in Post-Corona-Zeiten werden die digitalen Inhalte den Musemsbesuch bereichern. Die digitale Vermittlung der Museumsinhalte ist dank der neuen Audio- und Videoguides auf eine neue Ebene gehoben worden. Damit ist eine zukunftsweisende, innovative Lösung zur kulturellen Teilhabe für alle geschaffen, die dankbar von den Besuchern angenommen wird. Außerdem besteht jetzt die Möglichkeit, Museen, die lediglich saisonal geöffnet sind, ganzjährig digital zu besuchen. Anke Grodon gibt allerdings zu bedenken: „Das Digitale ist eine Möglichkeit der Überbrückung, eine Chance, im Gespräch zu bleiben. Aber es darf nicht der Eindruck entstehen, dass Museen keinen Platz mehr brauchen.“ Das Museum als Ort der Wissensvermittlung, der Begegnung und des Austausches hat auch im digitalen Zeitalter seine Berechtigung.

Digitale Öffnung der Museen als Folge der Corona-Pandemie

Konfrontiert mit Schließungen und Kontaktbeschränkungen während der Pandemie haben Museen in die Digitalisierung der Ausstellungsvermittlung investiert. Insbesondere kleinere Einrichtungen betraten damit Neuland. Unter Pandemiebedingungen dienten die digitalen Formate dazu, den Kontakt mit den Menschen aufrechtzuerhalten oder die Zugänglichkeit von Objekten zu gewährleisten. Doch den persönlichen Besuch vollständig ersetzen können digitale Rundgänge nicht, da die körperlich-sinnliche Dimension für das Erleben eines historischen Ortes elementar ist. In der Post-Corona-Zeit werden digitale Angebote den analogen Museumsbesuch ergänzen und vertiefen.

Damit ergeben sich insbesondere für Museen in Regionen abseits großer Touristenströme Chancen, neue Zielgruppen anzusprechen und Barrieren abzubauen. Die digitalen Angebote müssen den Nutzer*innen einen Mehrwert liefern. Die Beispiele haben gezeigt, wie dieser Mehrwert aussehen kann: Ganze Ausstellungen können unabhängig von Ort und Zeit besichtigt werden, Besuche individueller und partizipativer gestaltet werden sowie neue ästhetische Erlebnisse geschaffen werden. So kann die Krise als Ausgangspunkt einer umfassenden digitalen Öffnung der Museen und einer neuen Ära musealen Erlebens dienen.


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