Auf fatale Weise traf die Pandemie die gesamte Kulturbranche. Verschieden waren jedoch die Voraussetzungen, um ihr zu begegnen. Besonders im ländlichen Raum waren die meist kleineren Kulturbetriebe mit der Extremsituation konfrontiert. Die oft ehrenamtlichen Schultern, auf denen sie ruhen, drohten zu überlasten.

Der ländliche Raum birgt wegen der grundsätzlich dünnen Besiedelung Freiräume für Kulturschaffende. Im Gegensatz zur verdichteten Großstadt findet sich vielfach Leerstand, der besetzt werden kann. Kulturorte verfügen hier oft über größere Außenbereiche oder zumindest über einen unmittelbaren Zugang zur Natur. Das birgt Vorteile, wenn es um Abstandsregeln und die Vermeidung von erhöhten Aerosolkonzentrationen geht.

Ländlicher Raum ist geprägt von Breitenkultur, einem meist niedrigschwelligen Kulturangebot mit Nähe zur Lebensrealität der Menschen vor Ort – einer Nähe, die ein Wir-Gefühl erzeugt, auf welchem ehrenamtliche Kulturarbeit aufbaut. Das Ehrenamt ist die tragende Stütze vieler Einrichtungen, ganz besonders auf dem Land. Das sind Vorzüge, die sich im Stresstest der Pandemie in Nachteile verkehren können, wenn die Breitenkultur mit einem schleppenden Ausbau des Breitbandnetzes ringt, die Ehrenamtlichen zu einem großen Teil Risikogruppen angehören und Kinder und Jugendliche, die primär über die Schule oder Kita erreicht werden, dort nicht mehr anzutreffen sind. Hinzu kommt das Problem der mangelhaften Verkehrsinfrastruktur und eingeschränkten Mobilität bei häufig weiten Anfahrtswegen.

Lösungsansätze in Pandemie-Zeiten

„Solange das Wettermitspielt, kann hier kurzfristig in den eigenen Garten oder auf die angrenzende Weide ausgewichen werden“, schildert Alina Wander von WaWiTo in Mecklenburg-Vorpommern. WaWiTo steht für Wald, Wiese und die Tollense, den örtlichen Fluss. Die Natur spielt für das soziokulturelle Zentrum mit seinem Kunst- und Bildungsangebot eine übergeordnete Rolle. Dank dem NEUSTART Sofortprogramm sind die Akteur*innen in Tückhude nun auch mit Kamera, Aufnahmegeräten, Computern und Beamer ausgestattet und können dies für ihre Kulturarbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einsetzen. Alina Wander ist optimistisch: „Wir schaffen den Neustart! Dank digitaler Professionalisierung.“

Der Land & Kunst e.V. im niedersächsischen Asendorf, der dieses Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert, hat Einzelpersonen, Paare und Familien zum Gespräch auf die sogenannte „Corona-Bank“ eingeladen. So wurden auf einer Bank im Grünen Begegnungen mit Abstand wieder Austausch von Eindrücken und Geschichten möglich. „Viele Gedanken, viel Innehalten und Hoffnung auf Wandel – viel Leben bekam so einen Raum“, berichtet Geschäftsführer Peter Henze. Leben, das mit Bild- und Videotechnik für die Nachwelt festgehalten wurde und nun in die Außenwelt gesendet werden kann. Die technische Grundaustattung, die neue digitale Angebote erst ermöglicht, wurde vom NEUSTART Sofortprogramm gefördert. Die Beantragung der Förderung und die Durchführung der Maßnahme haben die Vereinsmitglieder mit vereinten Kräften gestemmt. Doch gerade das Einwerben von Fördermitteln ist für kleine Vereine, die wie Land und Kunst häufig zum Großteil ehrenamtlich arbeiten, eine große Herausforderung.

Einige Einrichtungen stellten bei NEUSTART ihren ersten Fördermittelantrag. Auch das Pfahlbauten Museum am Bodensee mit bis zu 300 000 Besucher*innen jährlich, bekamen erstmals „Geld aus Berlin“, wie es in Unteruhldingen heißt. Das älteste Freilichtmuseum in Deutschland ermöglicht Besucher*innen Steinzeitdörfer am Strand zu inspizieren und anschließend auf Pfählen im Wasser befestigte Siedlungen der Bronzezeit zu besichtigen. Mit der Förderung wurden analoge und digitale Maßnahmen entlang der gesamten „Visitor Journey“ umgesetzt. Begonnen bei Inhalten für den Internetauftritt, einem virtuellen Rundgang, einem Online-Ticketing-System, über Tensatoren für das Leitsystem, eine Wandzeitung als „fliegende Ausstellung“ für den Außenbereich des Freilichtmuseums bis hin zu einem ergänzenden WC-Container, der in jenem besonderen Ballungsbereich entzerrend wirkt, wurde hier ein ganzheitlicher Ansatz gewählt.

Kein „Weiter so!“

Wie kann der ländliche Neustart aussehen? Kulturschaffende auf dem Land antworten darauf immer wieder mit dem Wunsch nach Sichtbarkeit, mit der Sorge, neben den großen Häusern und Leuchtturmprojekten im urbanen Raum in Vergessenheit zu geraten, und mit der Hoffnung, dass die Politik den Mut findet, sich zu ihrem ländlichen Kulturbetrieb zu bekennen und ihn nachhaltig zu stützen. Sie unterstreichen, der Neustart oder besser die Post-Corona-Zeit dürfe keine Rückkehr zu einem Zustand vor Corona werden, denn schon zuvor bestanden erhebliche Mängel zu Lasten der kulturellen Arbeit auf dem Land. Ein „Weiter so!“ soll es in keinem Fall werden.

Die Pandemie als Kontrastmittel

Mit NEUSTART konnten aus einer Notsituation heraus vielerorts überfällige erste Schritte, wie die im Bereich der Digitalisierung, unternommen werden. Die Pandemie hat als Kontrastmittel gewirkt und althergebrachte Problemfelder noch schärfer zu Tage treten lassen. Der Bedarf und der Wunsch, digitale und analoge Räume überhaupt und besser gestalten zu können, waren bereits weit vor der Pandemie ausgeprägt. Die Ausnahmesituation der vergangenen Monate hat den Handlungsdruck auf allen Ebenen noch einmal deutlich verstärkt.

Das NEUSTART Sofortprogramm kann nur ein Anstoß für die Kulturlandschaft sein, an welchen trotz und gerade wegen geleerter Kassen und Pandemiefolgen angeknüpft werden muss, damit daraus eine nachhaltige Entwicklung erwächst. Die geförderten Akteur*innen betonen in vielen Fällen, dass Kultur in den Kommunen nicht länger eine freiwillige Aufgabe sein sollte und unterstreichen ihre gesellschaftliche Relevanz. Sowohl die Museen als auch die Bühnen und die Soziokultur werden, wenn sie eine gesellschaftliche Gestaltungsfunktionbehalten wollen, auch nach dieser einen spezifischen Krise um geeignete Rahmenbedingungen kämpfen müssen – besonders auf dem Land.


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Mal wieder die Bass Drum in der Magengrube spüren, die Bewegung der vorbeihuschenden Schauspieler*innen auf der Haut fühlen, vor einem echten Exponat stehen: In Zeiten des Corona-Virus ist das am besten draußen möglich. Verschiedene Frischluftideen zeigen der Klub Solitaer e.V., das Theater unter den Kuppeln und das Kunstforum der Technischen Universität Darmstadt.

Nach monatelanger Isolation und Vorbereitung lassen es Wetter und Inzidenz endlich zu, dass Kultur zumindest unter freiem Himmel in verschiedenen Formen stattfinden kann. Während der Klub Solitaer e.V. in Chemnitz ein neues Areal für seine neue Outdoor-Veranstaltungsstätte erschließt, entwickelt das Theater unter den Kuppeln in Leinfelden-Echterdingen ein pandemieflexibles Format auf dem eigenen Gelände. Das Kunstforum der TU Darmstadt erobert mit monumentalen Exponaten hingegen den öffentlichen Raum der Stadt.

Aus Brachland wird Band-Land

Seit Mitte Juni 2021 darf im Kulturraum Lokomov des Klubs Solitaer e.V. unter freiem Himmel wieder gesungen, gespielt, gelesen, gehört, gesehen und gespürt werden. Platz dafür bietet eine 1.300 Quadratmeter große Brache hinter dem Lokomov, die mit einer überdachten Outdoor-Bühne, einer Außentheke, neun Wetterschutzschirmen, acht Zuschauerinseln, Stühlen und Tischen erschlossen und revitalisiert wurde. Der Weg dorthin war ein visionärer: Auch wenn es im Frühjahr 2020 eine Herausforderung war, an Wiedereröffnung zu glauben, erarbeiteten die Vorstände Mandy Knospe und Robert Verch Vereinsmitglieder sowie ein Produktdesigner in kürzester Zeit ein nachhaltiges Konzept, das es erlaubt, alle Veranstaltungen draußen stattfinden zu lassen.

Finanziert wurde diese wohldurchdachte Planung über das NEUSTART Sofortprogramm. Bis zu 100 Personen (Stand Juni 2021) können nun draußen in vordefinierten Zonen, die die Wahrung von Abständen sicherstellen, überregionalen Bands lauschen und an Lesungen, Filmscreenings und Workshops teilnehmen. Auch den Regen müssen die Zuschauer*innen dank der Wetterschutzschirme nicht fürchten. Eine spielerische Konstruktion aus Gummiseilen, die um Robinienstämme gewickelt sind, macht die Grenzen der gezogenen Zonen blickdurchlässig, sodass Kultur gemeinsam, aber mit Sicherheitsabstand tiefenentspannt erlebt werden kann.

Von einer Freilichtbühne zu fünf Theaterinseln

„Gemischte Gefühle“ ist nicht nur der Titel eines Stücks des Theaters unter den Kuppeln in Leinfelden-Echterdingen, auch die Zuschauer*innen durchlaufen ein breites Spektrum an Emotionen. Denn das wandlungsfähige und damit resiliente Freiluft-Format umfasst fünf kurze Theaterstücke, die von Komödie bis Drama reichen. Die Zuschauer*innen werden auch körperlich gefordert. Denn die jeweils 15-minütigen Vorstellungen sind auf fünf verschiedene Stationen auf dem gesamten Gelände verteilt. Dabei entsteht durch den Wechsel von Stehen und Gehen die Einnahme ungewöhnlicher Blickwinkel – zum Beispiel von einer Kuppel auf die Bühne – ein völlig anderes Unterhaltungserlebnis als beim Theaterabend auf dem Stuhl.

Diese Theaterreise ist eine logistische Herausforderung, denn alle vier Zuschauer*innengruppen müssen von Personal begleitet werden. Zeitliche Kollisionen würden zwangsläufig zu physischen Kollisionen führen, sodass die Taktung unbedingt einzuhalten ist. Ein großer logistischer Aufwand für das schwäbische Theater, das bereits über eine große Freilichtbühne verfügt. Doch wie Theater-Vorstand Ralph Brückner betont, schafft dies Flexibilität. Die Aufführungen sind nämlich inhaltlich voneinander unabhängig, sodass sie bei plötzlichen Quarantäne- und Krankheitsfällen beliebig getauscht oder weggelassen werden können. Auch die Kontaktbeschränkungen spielen bei den Solo-Performances im Probenbetrieb keine Rolle. Dank des neuen Indoor- und Outdoor-WLAN, das durch das NEUSTART Sofortprogramm finanziert wurde, konnten auch Proben für andere Stücke mit mehreren Schauspieler*innen reibungslos online stattfinden.

Think open, think big, think public

Optisch meistens hochkant, der Zugang immer niederschwellig – so sind die Ausstellungen des Kunstforums der TU Darmstadt im öffentlichen Raum der hessischen Großstadt. Die meist vier auf drei Meter großen Gerüste, die durch das NEUSTART Sofortprogramm angeschafft wurden, ragen an sechs verschiedenen öffentlichen Plätzen in die Höhe. Sie sind bespannt mit imposanten wetterfesten Fotografien, die je nach Ausstellung ausgetauscht und kostenlos bestaunt werden können.

Der Größe dieser gigantischen Exponate kann sich niemand entziehen. Viele Passant*innen bleiben stehen und nicht selten kommt die Reaktion: „Wie gut es tut, endlich wieder Kunst zu sehen.“ Wenn es das Infektionsgeschehen zulässt, finden öffentliche Führungen unter Einhaltung der vorgeschriebenen Personenbegrenzung statt. Ob privat oder in der geführten Gruppe, die unmittelbare Präsenz der Kunstwerke ist essenziell. Julia Reichelt, die Leiterin des Kunstforums, beschreibt die Notwendigkeit dieser Unmittelbarkeit so: „Kunst lebt von der Kommunikation und die findet live vor Ort statt.“

Soziokultur, Theater und Kunst im Freien erleben

Dass Kultur in der direkten Begegnung erlebt werden muss und niemals komplett durch digitale Alternativen ersetzt werden kann, ist die treibende Kraft aller drei vorgestellten Kultureinrichtungen. Kultur an der frischen Luft hat viele Formen und Orte. Sowohl für die Sicherheit als auch für das Unterhaltungserlebnis zahlen sich Kreativität, Weitblick und Zuversicht bei der Gestaltung von Outdoor-Formaten immer aus. Denn am Ende bleiben glückliche Gemüter, die dankbar sind, dass Kultur endlich wieder mit allen Sinnen gelebt werden kann.


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Graffiti-Spaziergänge und legale Sprühflächen als Atelier für Jugendliche – Moriz und Felix vom Zentrum für Jugendkulturen e.V. in Hamburg-Altona erzählen, wie sie während der Pandemie mit Jugendlichen in Kontakt geblieben sind und gleichzeitig den Stadtteil als Ort der Kreativität erhalten konnten.

NEUSTART: Das Zentrum für Jugendkulturen startete Anfang 2020 sein Jugendprojekt „Graffiti ins Zentrum“. Wie wurde das Angebot angenommen und wie habt ihr den Kontakt zu den Jugendlichen in eurem Stadtteil aufgebaut?

Felix: Unsere Kreativworkshops im Rahmen des Projekts „Graffiti ins Zentrum“ wurden sehr gut angenommen. Wir hatten das Glück, dass wir bereits ein paar Wochen mit den jugendlichen Teilnehmer*innen gearbeitet hatten, ehe im März 2020 der erste Lockdown in Kraft trat. So konnte sich die Gruppe wenigstens ein bisschen beschnuppern, bevor wir anschließend für mehrere Wochen unsere Workshops aufgrund des Lockdowns überwiegend online angeboten haben und sich die Gruppe vorerst nur virtuell zum Kreativsein traf.

Moriz: Ein Teil der Jugendlichen fand zu unserem Projekt, weil sie bereits in der Vergangenheit Workshops bei uns besuchten und nun von „Graffiti ins Zentrum“ erfahren hatten. Während des ersten Schnupperkurses sprühten die Teilnehmer*innen auf Textilien und Leinwänden in unserem Garten, wodurch auch Jugendliche aus der direkten Nachbarschaft auf den Workshop aufmerksam wurden. Seitdem stieg der Bekanntheitsgrad und immer mehr Jugendliche aus benachbarten Schulen und Jugendzentren erfuhren nun, „was im Kreativworkshop so abgeht“.

NEUSTART: Zu euren Workshops gehören auch Graffiti-Spaziergänge im Stadtteil, welche Ziele verfolgt ihr damit?

Moriz: Es gehört zur Philosophie unseres Projekts, die legalen Graffitiflächen im Stadtteil als eine Art „Atelier“ oder „Galerie“ für unsere jugendliche Zielgruppe begreif- und erfahrbar zu machen. Graffiti als solches wird in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit Illegalität und Sachbeschädigung assoziiert. In unserem Projekt wollen wir mit den Jugendlichen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Graffiti eine tolle Sache ist, die weit mehr zu bieten hat, als „das Beschädigen fremden Eigentums“.

Felix: Graffiti als Kunstform bringt für Jugendliche mit der Möglichkeit, ihre Gefühle nach außen zu transportieren, ohne sich verbal artikulieren zu müssen, ein riesiges Potenzial mit sich. Die Mischung aus kreativem Ausprobieren, auf der einen und dem Kennenlernen von Graffiti als Ausdrucksform von Ideen, Meinungen, Gefühlen auf der anderen Seite; das wollen wir in unserem Projekt rüberbringen. Und dafür nutzen wir unter anderem auch die Graffitispaziergänge. Viele Jugendliche wissen gar nicht, an welchen Orten sie ganz legal Sprühen dürfen und auf welche Dinge dabei zu achten sind. Denn – das darf man nicht vergessen – auch die aktive Graffitiszene nutzt natürlich die legalen Flächen und da ist es wichtig, dass wir mit unseren Teilnehmer*innen ins Gespräch über szenespezifische Codes und Regeln kommen. Über die Graffitispaziergänge wollen wir also legale Flächen für Jugendliche sichtbar machen und gleichzeitig eine Sensibilität für Graffiti als (Jugend-) Szene schaffen.

NEUSTART: Kurz nach dem Projektstart musstet ihr im Zuge der Corona-Pandemie auf den ersten Lockdown und wechselnde Vorgaben und Bestimmungen reagieren. Wie konntet ihr den Kontakt zu Jugendlichen und den Stadtteil als Ort der Kreativität aufrechterhalten?

Moriz: Wie Felix schon erwähnte, war es sehr hilfreich, dass sich die Kerngruppe des Projekts bereits persönlich kennenlernen konnte, ehe der Lockdown kam. Dadurch bestand eine erste Vertrauensbasis. Wir haben dann zunächst intern im Team und dann auch mit den Teilnehmer*innen überlegt, wie es möglich wäre, auch ohne Präsenzangebote gemeinsam in der Gruppe kreativ zu sein.

Felix: Dabei rausgekommen ist eine Ausleihstation in unseren Räumen, an der sich die Teilnehmer*innen ihre personalisierten Materialboxen abholen können Diese Materialboxen beinhalten unter anderem Lack- und Filzstifte, Leinwände, Skizzenbücher und Übungsblätter. So konnten die Jugendlichen zuhause mit ihren Materialien arbeiten. Außerdem wurde der Workshop ins Digitale übertragen und wir trafen uns mit den Jugendlichen via Zoom. Bei den digitalen Treffen haben wir „gesketcht“ oder beispielsweise an der Technik der 3D-Schatten gearbeitet. Außerdem wurden die Teilnehmer*innen beauftragt, in ihrer Umgebung auf Graffiti-Spurensuche zu gehen. Dabei sind tolle Fotografien entstanden, die wir uns anschließend gegenseitig präsentiert haben. So blieb auch der Stadtteil weiterhin als kreativer Ort ein Kern unseres Projekts. Oftmals dienten die digitalen Treffen aber auch einfach dem Austausch miteinander und dem Mitteilen von Sorgen und Frust rund um die Corona-Pandemie.

NEUSTART: Das NEUSTART Sofortprogramm unterstützte die Umsetzung eines Alternativkonzepts. Welche Lösungen habt ihr vor Ort gefunden?

Moriz: Mit den Fördermitteln aus dem NEUSTART Sofortprogramm konnten wir unter anderem Material für eine ca. 15 Meter lange Graffitwand in unserem Garten beschaffen. Zusätzlich schafften wir Pavillons und Mobiliar an, um in unserem Garten Open-Air-Ateliers zu errichten. Unser Hygienekonzept sah vor, dass wir unsere Workshops komplett ins Freie verlegen. Dadurch konnten wir einen wesentlich höheren Infektionsschutz gewährleisten und über den Sommer mit den Teilnehmer*innen in Präsenz arbeiten. Darüber hinaus haben wir kleinere Fotoprojekte mit den Jugendlichen umgesetzt. Aus den NEUSTART Fördermitteln konnten dafür technisches Equipment anschaffen, sodass die Teilnehmer*innen über ein Ausleihsystem temporär mit einer Kamera ausgestattet wurden und unter einem bestimmten Motto auf Fotoshootings gegangen sind. Die Fotos konnten dann anschließend in den Open-Air Ateliers an Laptops z.B. mit Photoshop bearbeitet werden.

NEUSTART: Ihr arbeitet mit unterschiedlichen Akteur*innen zusammen. Wie sieht das Netzwerk aus, das euer Zentrum nutzt und mitgestaltet?

Felix: Zum einen besteht das Netzwerk des Zentrums aus vielen Einzelakteur*innen aus den Bereichen Kunst, Jugend- und Subkulturen, politische Bildung und Soziale Arbeit. Aus diesem Kreis kommen auch die aktiven Mitgestalter*innen des Zentrums. Daneben sind wir in institutionelle Netzwerke eingebunden. Dazu gehören insbesondere unsere Mitgliedschaften in der LAG Kinder- und Jugendkultur sowie bei Stadtkultur Hamburg. Diese Netzwerke haben uns vor allem während der Corona-Pandemie ungemein unterstützt, uns mit aktuellen Infos aus den Behörden informiert und uns zu den jeweiligen Hygieneschutzmaßnahmen beraten. Wichtige Netzwerkpartner*innen sind außerdem das Bildungszentrum Dock Europe e.V., die Junge Volkshochschule Hamburg (VHS) und das Stadtteil- und Kulturzentrum MOTTE e.V. Mit den Kolleg*innen aus den genannten Einrichtungen arbeiten wir in Workshops zusammen, entwickeln gemeinsame Angebote und kooperieren in Netzwerkveranstaltungen. Hierbei ist insbesondere das von „Dock Europe e. V.“ mitinitiierte Netzwerk „Diversität und Partizipation zwischen den Partnerstädten Hamburg und Marseille“ (DiPa) zu nennen. In diesem Netzwerk treffen sich Akteur*innen der Jugendsozialarbeit aus beiden Städten, um internationale Begegnungen mit französisch- und deutschsprachigen Jugendlichen zu organisieren.

NEUSTART: Ihr selbst habt einen Workshop für Fachkräfte zum Thema „Die Krise als Chance / Solidarität in Zeiten von Corona“ umgesetzt. Was waren die wichtigsten Erfahrungen aus diesem Workshop?

Moriz: Den Workshop haben wir innerhalb des dreitägigen digitalen DiPa- Netzwerktreffens im vergangenen Sommer mitgestaltet. Aufgrund der Corona-Pandemie war es dem Netzwerk nicht möglich, wie in den Jahren zuvor eine Präsenzveranstaltung in Hamburg oder Marseille umzusetzen. Das digitale Netzwerktreffen diente daher weniger dem konkreten Planen von anstehenden Begegnungen, sondern wurde vor allem dafür genutzt, sich mit den Kolleg*innen aus Marseille und Hamburg über Erfahrungswerte im Umgang mit der Pandemie auszutauschen. Im Zuge unseres Workshops haben wir gemeinsam mit dem Tesch, einem ebenfalls selbstverwalteten Jugend- und Stadtteilzentrum, ein Podiumsgespräch zu solidarischem Engagement in der Corona-Pandemie geführt. Daran anschließend entstand ein spannender Austausch mit und unter den Teilnehmer*innen zu den Möglichkeiten, trotz der Pandemie internationale Begegnungen mit Jugendlichen (z.B. digital) zu ermöglichen. Ein wesentlicher Erfahrungswert aus dem digitalen Netzwerktreffen und dem Workshop ist für uns vor allem der kollegiale Austausch mit unterschiedlichen Akteur*innen im Bereich der internationalen Jugendarbeit. Trotz oder gerade wegen aller Herausforderungen der aktuellen Zeit empfinden wir derartige Vernetzungen als große Bereicherung und Inspiration.

NEUSTART: Wie sehen eure Pläne für eine, möglicherweise schrittweise, Öffnung des Zentrums aus?

Felix: Unsere Workshops haben wir in den vergangenen Monaten über digitale Formate angeboten. Der Kontakt zu den Teilnehmer*innen ist daher beständig und alle freuen sich schon auf ein persönliches Wiedersehen. Wir sind ständig im Austausch mit den Kolleg*innen der LAG Kinder- und Jugendkultur und blicken von Woche zu Woche, welche Öffnungsschritte möglich sind. Unsere Workshops können wir aktuell (24. Mai 2021, Anm. d. Red.) unter angepassten Infektionsschutzmaßnahmen in reduzierter Gruppenstärke und im Freien wieder anbieten. Das ist großartig und stimmt uns zuversichtlich!

Moriz: Zum Angebot des Zentrums zählen neben den Workshops mit festen Teilnehmer*innenzahlen auch offene Veranstaltungen wie das Soli-Café, Lesungen, Filmabende, Kochgruppen und Ausstellungen. Inwieweit eine gänzliche Öffnung dieser Angebote in Präsenz in den kommenden Sommermonaten möglich sein wird, bleibt bisher noch abzuwarten. Wir stehen in den Startlöchern und drücken die Daumen!

NEUSTART: Danke für das Gespräch und die Daumen sind gedrückt!


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Weitere Förderungen

Der Bundesverband Soziokultur e.V. fördert das Zentrum für Jugendkulturen und dessen Projekte mit weiteren Programmen:

 

Die Pandemie verkehrte den kulturpolitischen Anspruch einer „Kultur für alle“ ins Gegenteil. „Kultur für niemanden“ hieß es zunächst im März 2020. Für Kulturschaffende stellte sich die Frage, wie sie ihr Publikum trotz geschlossener Türen erreichen können. Das Kindertheater Mummpitz und der Jazzclub Unterfahrt zeigen mit jazzigen Streams, wie sie Barrieren überwinden.

„Wir überlegten schon zu Beginn der Pandemie, ob wir Jazz für Kinder online anbieten“, erinnert sich Autor und Schauspieler Michael Schramm vom Theater Mummpitz. Gemeinsam mit den Musikern Ferdinand Roscher und Gabriel Drempetic entwickelte er zu Beginn der Pandemie die Idee, das erfolgreiche Bühnenformat als Online-Format auf Youtube fortzuführen.
Schramm ist inhaltlicher, Roscher musikalischer Leiter. Produktionsleiter Drempetic führt als König Semmelwurst durch die 20-minütigen Shows, die einen einzigartigen Mix aus Puppentheater und Jazz bieten.

Seit Anfang April 2020 begeistern Roscher, seine Musikerkollegen und Puppenspielerin Panja Rittweger mit kindergerechten Geschichten und Jazz, der nicht nur den Jüngsten Spaß macht. Acht Folgen können bisher auf Youtube angeschaut werden. Die Resonanz auf das Online-Angebot des Kindertheaters ist beachtlich. Die erste Folge, bei der ein teuflischer Husten besiegt werden muss, erreichte bisher über 5.000 Aufrufe. Autor Schramm freut sich über den Erfolg: „Wir hatten zuerst keine Vorstellung davon, wie das Programm angenommen wird. Jazz für Kinder ist bei uns auf der Bühne eine Erfolgsgeschichte. Insofern war natürlich schon die Hoffnung da, dass sich der Zuspruch der Zuschauer*innen fortsetzt. Dass es dann so viele wurden, hat uns doch positiv überrascht.“

Jazzclub Unterfahrt – durch Streaming mehr Menschen erreichen

Positiv blickt auch Michael Stückl, Vorstand und künstlerischer Leiter des Förderkreises Jazz und Malerei München e.V., auf die ersten Streaming-Erfahrungen des international renommierten Jazzclubs Unterfahrt zurück: „Wir haben einen deutlichen Zuwachs an Fördermitgliedern verzeichnen können, wir konnten den Musikern sehr gute Honorare bezahlen und wir haben unser Publikum nicht nur gebunden, sondern dieses mit Sicherheit sogar vergrößern können.“ Der Mediziner Stückl engagiert sich seit den 1980ern für das Fortbestehen des Jazzclubs und wurde dafür von der Stadt München ausgezeichnet.

Die Unterfahrt hat ihre Heimat in der Einsteinstraße in der Münchner Innenstadt. Der 160 Personen fassende Jazzkeller kann in seiner 40-jährigen Geschichte auf mehr als 12.000 Konzerte zurückblicken. Dort wo sonst nationale und internationale Größen des Jazz sowie Nachwuchskünstler*innen auftreten, kehrte im März 2020 wie im ganzen Land die Stille ein. Stückl und seinem Team war klar, dass andere Wege gefunden werden mussten, Musiker*innen und Publikum zusammenzubringen. Schnell wurde die notwendige technische Ausstattung organisiert und am 11. April 2020 das erste Konzert gestreamt. Bis zum Ende des Jahres wurden so 190 Konzerte aus dem Münchner Jazzkeller in heimische Wohnzimmer übertragen.

Die Online-Konzerte der Unterfahrt erfreuen sich nicht zuletzt dank einer professionellen technischen Ausstattung großer Beliebtheit: Durchschnittlich schauen sich doppelt so viele Zuschauer*innen ein Konzert per Live-Stream an, wie normalerweise im Jazzkeller Platz finden.

Mit Qualität die Zielgruppen begeistern

Bei der Produktion der Streams legt die Unterfahrt ein besonderes Augenmerk auf die Qualität von Bild und Ton, um sich von den in der Pandemie allgegenwärtigen Wohnzimmerkonzerten abzuheben „Wenn man das Publikum 90 Minuten in einem Livestream halten will, dann muss die Qualität höchst professionell sein“, erklärt Stückl. Für die herausragende Qualität der Konzert-Streams sorgen sechs festinstallierte, fernsteuerbare Kameras und ein professioneller Bildregieplatz, die durch das NEUSTART Sofortprogramm gefördert wurden.

Die Qualität der Aufnahmen ist auch den Theatermacher*innen in Nürnberg wichtig. So werde der Ton noch in einem Tonstudio nachbearbeitet, erklärt Schramm. Einen regionalen Fernsehsender überzeugten die Aufnahmen derart, dass die Jazzreihe nun auch im Fernsehen laufe. Doch der Autor weiß aus der 40-jährigen Erfahrung des Kindertheaters, worauf es bei seinen jungen Zuschauer*innen am meisten ankommt: „Gute Musik, eine Geschichte die Kinder mitnimmt, Aktionen, die Kinder zum Mitmachen animieren und natürlich Spaß!“ So rege man die Kinder an, selbst Musik zu machen und die Geschichten mit allen Emotionen zu erleben.

Jazz für jede*n

Die Mehrheit der im Rahmen des NEUSTART Sofortprogramms entwickelten Streams stehen den Nutzer*innen kostenlos zur Verfügung. Auch in Nürnberg sind sich Theatermacher*innen treu geblieben: „Jazz für Kinder war immer als kostenloses oder sehr günstiges Angebot an unsere Besucher*innen gedacht. Wir wollen dieses Format allen Menschen zur Verfügung stellen, unabhängig vom Einkommen.“

Doch die Spendenbereitschaft der Menschen ist groß. „Das positive Feedback, das wir erhalten, zeigt sich vor allem auch durch eine hohe Spendenbereitschaft bei den Zuschauern,“ berichtet Michael Stückl. „Viele spenden freiwillig deutlich mehr, als wir für ein Onlineticket verlangen könnten. Wir sind relativ sicher, dass wir durch die Kombination aus Freiwilligkeit ein deutlich größeres Publikum und deutlich höhere Einnahmen erreichen.“ Die kostenlosen digitalen Angebote sichern in der Pandemie die kulturelle Teilhabe. Ohne weitere Förderungen und Spenden oder der Etablierung kostenpflichtiger Streaming-Angebote ließe sich die zusätzliche digitale Kulturvermittlung aber wohl kaum in eine Post-Corona-Zeit übertragen.

Streaming-Angebote müssen langfristig erhalten bleiben

Ob der jazzige Kasperl auch zukünftig im Netz unterwegs sein wird, ist für Michael Schramm ungewiss: „Wir würden zu Beginn der neuen Spielzeit das Online-Format gerne fortsetzen. Dies hängt natürlich von vielen Faktoren ab: Zeit, Geld, Ressourcen der Mitarbeiter*innen. Im Grunde bräuchten wir dafür eine zusätzliche Förderung.“ In der Unterfahrt gehen die Pläne schon weiter. Hier gab es schon vor der Pandemie Überlegungen, Konzerte gegen Kauf eines Tickets im Stream zu übertragen. Mit der geförderten technischen Ausstattung und dem in der Pandemie entwickelten Know-how werden in einer Post-Corona-Zeit auch Menschen mit einem Online-Angebot versorgt werden können, die kein Ticket mehr bekommen haben oder denen die Anreise zu weit ist.

Streams bauen Barrieren ab

Ein Jahr nach Beginn der Pandemie ist das Streaming von kulturellen Angeboten weit verbreitet. Aus der Not haben sich viele der geförderten Kultureinrichtungen in die digitale Kulturvermittlung geflüchtet und Spaß daran gefunden. Sicher, die Flucht ins Digitale wird kein Exil bleiben. In einer Post-Corona-Zeit werden Bühnen belebt und Säle gefüllt sein. Streams werden weniger. Kultur wird wieder hauptsächlich über das körperliche Begegnen und den zwischenmenschlichen Austausch erlebbar. Doch was aus der Not entstanden ist, wird nachwirken. Das Digitale hat mit der Krise endgültig Einzug in die Kulturvermittlung gehalten. Und es wird bleiben. Streams – seien sie kostenlos oder -pflichtig – bauen Barrieren ab: So kann jede*r unabhängig von Ort oder Zeit, trotz körperlicher oder geistiger Beeinträchtigungen an kulturellen Angeboten partizipieren.


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Das Zimmertheater hat seit dem 16. März 2021 im Rahmen des Tübinger Modellprojektes wieder für Publikum geöffnet. Voraussetzung für die Öffnung ist ein Hygienekonzept, das mithilfe des NEUSTART Sofortprogramms realisiert werden konnte. Im Interview sprechen die Intendanten über strahlende Gesichter bei der Wiedereröffnung und fordern Spielräume für den „Kultursommer“.

NEUSTART: Seit dem 16. März 2021 hat Ihr Theater im Rahmen des Tübinger Modellprojekts nach monatelanger Schließung wieder geöffnet. Wie haben Sie von dieser Entscheidung erfahren?

Ripberger: Die Öffnungsmöglichkeit für unser Theater kam unverhofft. Wir waren zwar zum Ende der Vorwoche „vorgewarnt“ worden, dass ein entsprechender Antrag der Stadt Tübingen beim Ministerium gestellt sei; zu den Erfolgsaussichten konnte es aber naturgemäß keine verbindlichen Aussagen geben.

NEUSTART: Die Entscheidung traf Sie also aus heiterem Himmel?

Ripberger: Niemand war ja Mitte März so kühn-optimistisch, etwas Derartiges zu erwarten. Seit Januar hatte sich doch allgemein die Prognose durchgesetzt: Vor Ostern gebe es ohnehin keine Auferstehung der Kultur. Letztlich war es der 15. März um 17 Uhr, als die Genehmigung des Modellprojekts offiziell vorlag. Um 16:30 Uhr trafen wir Oberbürgermeister Boris Palmer noch zufällig vor dem Buchladen, der zwar positive Signale, aber noch nichts Verbindliches in der Hand hatte. 24 Stunden vor der dann vollzogenen Öffnung.

NEUSTART: Und dann der große Tag: Wie haben Sie die Wiedereröffnung erlebt?

Ripberger: Die Öffnung am Folgetag war ein euphorisches Ereignis mit strahlenden Gesichtern bei den Kolleg*innen. Wir hatten das freudvolle Gefühl schon beinahe ein wenig verlernt, wie es ist, echte Menschen im Theater willkommen zu heißen. Es fühlt sich wunderbar an, ähnlich dem Zauber eines ersten geglückten Theatererlebnisses.

NEUSTART: Und was sagen Ihre Gäste?

Ripberger: Die Gäste sind glücklich und begeistert. Wir haben eine enorme Sehnsucht und Dankbarkeit gespürt. Das hat sich in spontanen Überwältigungsmomenten geäußert, tosendem Applaus, lächelnden Gesichtern, liebevollen Rückmeldungen. Auffällig ist, dass es mucksmäuschenstill ist im Theater. Kein Bonbonrascheln, kein Räuspern. Bei uns kommt das als Wertschätzung dieser kostbaren, intimen Situation an, in die man sich gemeinsam mit den Schauspieler*innen begeben darf. Der Theaterbesuch ist dieser Tage etwas außergewöhnlich Besonderes.

NEUSTART: Wie unterscheidet sich denn ein Theaterbesuch im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit?

Ripberger: Der Besuch im Tübinger Zimmertheater im Modellversuch setzt voraus, dass man sich an einer der städtischen Teststationen ein Tübinger Tagesticket besorgt hat. Nach einem negativen Schnelltest gibt es ein Armband mit QR-Code. Diesen QR-Code zeigt man dem Vorderhauspersonal – und dann darf man rein. Die Auslastung liegt bei ca. einem Drittel der Platzkapazität von vor der Pandemie. Die Dauer der Inszenierungen haben wir bewusst nicht überstrapaziert. Trotz Schnelltest, UV-C Luftreinigung, Frischluft, Abstandsregelungen, Hygienestationen und Plexiglas gilt: die Maske bleibt die ganze Zeit auf. Das ist der wohl größte Unterschied zum Theaterbesuch vor März 2020.

NEUSTART: Zu einem Theaterbesuch gehört in Zeiten der Pandemie auch ein sicheres Hygienekonzept. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Ripberger: Unser Hygienekonzept wurde im April 2020 erstellt – in engem Austausch mit verschiedenen Theatern des Deutschen Bühnenvereins, der ein best-practice Portal bereitgestellt hat, und viel Lektüre von durch Branchenverbände im gesamten deutschsprachigen Raum erstellten Konzepten. Das war und ist ein work in progress, schon um die Anpassungen der regelmäßigen berufsgenossenschaftlichen VBG-Richtlinien einfließen zu lassen. Stand heute verwenden wir Version 8 unseres Hygienekonzepts, das sich stets in der Sakkotasche befindet, falls das Ordnungsamt mal vorbeikommt. Das Hygienekonzept wurde innerstädtisch abgestimmt, mit dem Fachbereich Kultur und der zuständigen Bürgermeisterin.

NEUSTART: Für Ihr Hygienekonzept mussten Sie Raumluftfilteranlagen installieren und bauliche Veränderungen in Ihrem Theater vornehmen. Dafür haben Sie eine Förderung durch das NEUSTART Sofortprogramm erhalten. Was bedeutete für Sie die Förderung des Bundes?

Ripberger: Die Förderung durch das NEUSTART Sofortprogramm war ein wichtiger Impulsgeber und ein Signal des Bundes: Hier wird eine sinnvolle Maßnahme geplant, die nachhaltig einen sicheren Spielbetrieb ermöglicht. Die maximale Fördersumme hat nicht ausgereicht, um alle erforderlichen Maßnahmen durchzuführen, damit unsere Spielstätten Corona-gerecht ertüchtigt werden. Kommune und Land haben uns zusätzlich unterstützt, sodass im Herbst 2020 neben unseren bisherigen beiden Hauptspielstätten im Stammhaus eine moderne, sichere Spielstätte zur Verfügung stand, die auch baulich die Voraussetzung für Abstand bietet: genug Platz.

NEUSTART: Bei Ihnen sind Ihre Zuschauer*innen also bestmöglich vor einer Infektion geschützt?

Ripberger: Wir können stolz und selbstbewusst sagen, dass wir die Richtlinien tendenziell übererfüllen – das war uns auch für den Modellversuch sehr wichtig. Unsere oberste Prämisse war, keinerlei Risiko einzugehen und absolut nichts dem Zufall zu überlassen, denn das Tübinger Modellprojekt hat als Präzedenzfall bundesweit Vorbildfunktion.

NEUSTART: Dennoch halten viele Öffnungen bei steigender Inzidenz für nicht angebracht. Was entgegnen Sie den Kritikern?

Ripberger: Das Tübinger Modellprojekt leuchtet das Dunkelfeld der Pandemie aus. Die Testdichte ist nirgendwo in Deutschland höher als hier. Nur da, wo Ansteckungsrisiken aufgedeckt werden, werden sie durch rasche Reaktion handhab- und beherrschbar. Schaut man sich den Verlauf der Inzidenz in der Stadt Tübingen an, kann man zu dem Schluss kommen: das Modellprojekt funktioniert. Wir liegen Stand 20. April bei der Hälfte der Inzidenz Baden-Württembergs.

NEUSTART: Am 23. April tritt das geänderte Infektionsschutzgesetz in Kraft. Damit muss auch Ihr Theater wieder schließen. Was sagen Sie zu der neuen Situation?

Ripberger: Leider macht das Infektionsschutzgesetz keine sinnvollen Differenzierungen für den Kulturbereich: Weder ist die Möglichkeit vorgesehen, hoffnungsvolle Modellprojekte fortzusetzen, um weitere Erkenntnisse zu gewinnen, noch werden die zahlreichen Studien zur Unbedenklichkeit von kulturellen Veranstaltungen in den aufwändig ertüchtigten Sälen zur Kenntnis genommen. Es hätte zumindest eine Unterscheidung zwischen Indoor- und Outdoor-Veranstaltungen getroffen werden müssen, damit die Hoffnung auf einen kulturellen Sommer erhalten bleibt. Pläne für Openair-Projekte liegen jetzt auf Eis, Einnahmemöglichkeiten für freischaffende Künstler*innen fallen weg – viele verlieren die Hoffnung. Pandemiegerechte Kulturangebote können funktionieren, mehr noch: wir brauchen die Künste für die gesellschaftliche Bewältigung dieser Krise. Die fortgesetzte politische Marginalisierung des Kulturbereichs ist daher nicht akzeptabel. Die Kritik, die wir jetzt äußern, darf aber nicht den falschen Kräften Wasser auf die Mühlen schaufeln – da müssen wir extrem aufpassen.

NEUSTART: Vielen Dank für das Gespräch und bleiben Sie beide gesund!


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