Das Deutsche Theater Göttingen und die Freie Bühne Jena sind in der Krise neue Wege gegangen. Sie haben den öffentlichen Raum als Bühne entdeckt. In Göttingen lebte das Theatergebäude visuell und akustisch auf. In Jena trafen Besucher*innen auf ein menschgewordenes Corona-Virus.

Das Deutsche Theater Göttingen (DT) und die Freie Bühne Jena zeigen, wie sie mit innovativen, außergewöhnlichen Aktionen wieder mit dem Publikum real interagieren konnten. Ihr Ziel war es, dass Kunst auch bei geschlossenen Bühnen weitergeführt werden konnte. Um ihre Theaterprojekte pandemiegerecht umsetzen zu können, haben sie klassische Aufführungsorte verlassen und den öffentlichen Raum als Bühne des Augenblicks genutzt. Das NEUSTART Sofortprogramm stattete sie mit dem nötigen digitalen und technischen Rüstzeug aus.

Das Deutsche Theater in Göttingen

Das Deutsche Theater Göttingen kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Seit seiner Gründung 1890 ist es zum größten und bekanntesten Schauspielhaus Göttingens avanciert. Es wird seit der Spielzeit 2014/2015 von Erich Sidler geleitet. Als Intendant hat er den Anspruch, einen Ort des Diskurses, der realen Begegnung und der vertieften Auseinandersetzung zu schaffen. Für Sidler ist Theater immer auch ein wichtiger Teil gelebter Demokratie. Letztlich geht es ihm dabei um den Austausch über die Frage, wie Menschen miteinander leben möchten.

Das Theater lebt in den Köpfen der Menschen weiter

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, entwickelten Sidler und sein Team fortlaufend Ideen, wie sie ihr Publikum in Zeiten geschlossener Theaterhäuser erreichen können. Unter der Regie von Antje Thoms entstand das Projekt Fragen über Fragen:

Im November 2020 wurde das gesamte Theatergebäude in eine Installation verwandelt. Das Haus wurde für die spielfreie Zeit verbarrikadiert. Verschläge vor den Eingängen sollten die Vereinsamung des Theatergeschehens ausdrücken, die aus der Einstellung des Spielbetriebes folgte. Im selben Zeitraum lebte das Haus jeden Tag um 17.45 Uhr für eine Viertelstunde mit einer Licht- und Toninstallation auf, um den schlummernden Geist des Theaters erlebbar zu machen. Dabei wurde über eine große Verstärkeranlage die Innenstadt Göttingens mit Fragen bekannter Philosophen und Autoren beschallt. Diese durchstreiften das Reich des vermeintlich Alltäglichen und bargen zugleich das Potenzial tieferer Reflexion: „Welches Bein ist Dir beim Gehen sympathischer, das am Boden oder das in der Luft? Wie oft gehst Du ohne festes Ziel vor die Tür? Warum weint man manchmal erst, wenn man getröstet wird?“

Für Regisseurin Antje Thoms sind es vor allem die Fragen und weniger die Antworten, die uns voranbringen. Denn ohne Fragen gibt es keine Irritation, keine Selbstreflexion. Fragen haben die Kraft, etwas zu verändern. Der Intendant Erich Sidler erklärt: „Das Besetzen des akustischen Raumes einer Stadt wie Göttingen mit Fragen, die uns alle beschäftigen, regelmäßig und lautstark, sendet Signale, dass Theater, auch wenn geschlossen, in den Köpfen der Menschen weiterlebt.“

Einmal auftanken mit Kultur bitte!

Etwas mehr Tuchfühlung mit den Besucher*innen nimmt das Theater in seinem Projekt Tankstelle auf. Thoms und Sidler haben sich dabei von dem Ort inspirieren lassen, der mit seinem Sortiment des täglichen Bedarfs selbst um zwei Uhr morgens schon so manchen Engpass ausgleichen konnte. In der DT-Tankstelle werden kulturelle Gelüste befriedigt, gleich welche Stunde es geschlagen hat. Die Tankstelle stand in unmittelbarer Umgebung des Deutschen Theaters. Besucher*innen verbrachten drei Minuten lang an einem Schalter im Eins-zu-eins-Kontakt mit einem Mitglied des Ensembles. Bei Begegnungen, Literatur, Dramen, Heiterkeit und Musik ließ sich hier wieder auftanken.

Die Freie Bühne Jena

Im Jahr 2009 gründete eine Gruppe engagierter Menschen den gemeinnützigen Verein Freie Bühne Jena e.V. Daraus ist eine Plattform entstanden für Freies Theater, Amateurtheater und Theaterpädagogik, die neugierige, kreative, kulturwütige und kunstbesessene Menschen durch Theaterprojekte vernetzt. Die Freie Bühne Jena versteht sich als Vertretung freier Theatergruppen und möchte die freie Szene stärken. In verschiedenen Theaterprojekten, die für alle Altersgruppen Möglichkeiten zur Beteiligung bieten, wirken rund 100 Personen mit. Sie bespielen neben der Bühne im Kulturschlachthof Jena regelmäßig ungewöhnliche Orte wie Höhlen, Industriehallen oder Parkplätze.

Konfrontation mit einem menschgewordenen Virus

Der Projektkoordinatorin Franziska Brandt und ihren Mitstreitern kam die Flexibilität bei der Wahl des Aufführungsortes in diesen außergewöhnlichen Zeiten sehr zugute. Mit Ihrem Projekt Stadtgeflüster verwandelten sie die Innenstadt Jenas in einen theatralen Raum. Die Teilnehmer*innen wurden in einer Schnitzeljagd mithilfe von Tablets und der App Actionbound zu vielen kleinen Aufführungsorten gelenkt. Einer dieser Alltagsorte, ein Springbrunnen auf einem gediegenen Innenstadtplätzchen, wird plötzlich zu einer außergewöhnlichen Szenenfläche. In der Mitte des Springbrunnens stehen zwei junge Frauen Rücken an Rücken. Plötzlich erschallt eine Soundinstallation und die Körper erwachen zum Leben, umkreisen sich, ringen miteinander. Die tanzenden Körper erzählen von Nähe und Distanz, von Streit und Versöhnung. In einer Einkaufspassage springt ein menschgewordenes Virus in die Gruppe der Besucher, konfrontiert sie mit ihren Ängsten und regt zur Auseinandersetzung mit diesen an.

Allen Performances im öffentlichen Raum ist das Thema Krise zugrunde gelegt. Sowohl persönliche als auch gesellschaftliche Herausforderungen werden thematisiert. Jede Szene schließt mit einer Frage ab, die jede*n Einzelne*n ermutigt aktiv über das Erlebte nachzudenken. Was macht Eltern aus eurer Erfahrung zu glücklichen und zufriedenen Menschen? Bleibst du dir treu? Erzähle davon, wer du sein würdest, wenn dich nichts zurückhalten oder einengen würde? Franziska Brandt erklärt: „Es war uns wichtig, dass wir keine „richtige“ Strategie vorgeben, sondern das Publikum selbst, jede*r Einzelne, Pärchen oder gar Fremde in einen Austausch über den momentanen Zustand der Gesellschaft und ihres eigenen Lebens kommen.“ Gerade in dieser Zeit, in der große Teile des gesellschaftlichen Miteinanders und Austauschs verloren gehen, hält Brandt das Mittel des Diskurses und des Austauschs für eine der wichtigsten Strategien mit Krisen umzugehen.

Gestärkt aus der Krise hervorgehen

Dass die Besucher so positiv auf das Format Stadtgeflüster reagierten, hat laut Brandt unterschiedliche Gründe. Zum einen konnten sie Theater und Kunst auf eine neue Weise entdecken, die wenig mit dem klassischen Theaterraum gemein hat. Durch die digitale Schnitzeljagd kam zum anderen ein spielerischer Charakter hinzu, der zur Eigeninitiative, Selbstorganisation und Kommunikation mit den anderen Gästen anregte. Egal ob persönliche oder auch existenzielle Krise, Brandt geht es darum, nicht zu verharren und in Frustration zu verfallen. Krisen können auch genutzt werden, um daran zu erstarken.

Theater zu den Menschen bringen

Eben diese Haltung, sich den Herausforderungen aktiv zu stellen und sie als Motor zu nutzen, verkörpert auch das Deutsche Theater Göttingen. Entsprechend sind auch die Besucher*innenreaktionen. Auf der Webseite der Installation Fragen über Fragen fasst eine Besucherin ihre Eindrücke zusammen: „Es hatte etwas Gespenstisches, gleichzeitig auch Tröstliches: Wir dürfen wohl mal verwirrt sein, uns in Fragen verirren, in Anbetracht all der diesjährigen Veränderungen nah und fern!“

Auch die DT-Tankstelle wurde mit großer Begeisterung vom Publikum aufgenommen. Eine Besucherin schreibt an das Deutsche Theater und bringt die Bedeutung dieses Formats mit einem Augenzwinkern auf den Punkt: „[…]auch wenn ich vergeblich versucht habe, Zigaretten und ‘nen Six-pack zu bekommen, habe ich anstelle dessen so viel bekommen: Nähe (!), Ansprache, Anekdoten und sogar eine Prise Interaktion.“

Kultureinrichtungen wie die Freie Bühne Jena oder das Deutsche Theater Göttingen zeigen, dass es trotz Corona möglich und vor allem nötig ist, Theater zu den Menschen zu bringen und dies ganz gleich, ob in einem barocken Theaterhaus oder auf dem Parkplatz nebenan.


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Der Theaterbetrieb läuft wieder an. Allerdings wegen der geltenden Abstands- und Hygieneregeln mit reduziertem Sitzplatzkontingent. Für kleinere Theater ist die geringe Auslastung wenig rentabel. Zuschauerkabinen können eine Lösung sein und bieten zugleich Raum für künstlerische Ideen.

Zuschauerkabinen bieten in Verbindung mit einer leistungsstarken Lüftungsanlage Schutz vor Ansteckungen in beengten Räumlichkeiten. Gerade kleinere Theater wie das Akademietheater Ulm können mit den Kabinen aus Acryl- beziehungsweise Plexiglas die Platzanzahl lohnend erhöhen. Für das Theater Eurodistrict Baden Alsace (BAAL) ist – neben den zusätzlichen Sitzplätzen – der künstlerische Mehrwert durch die Variabilität der Zuschauerkabinen und deren Einbindung in die Inszenierung von großer Bedeutung.

Akademietheater Ulm

Das 1994 von Ralf Rainer Reimann gegründete Akademietheater Ulm ist eine der ältesten Kultureinrichtungen der freien Szene in der schwäbischen Universitätsstadt. Der programmatische Schwerpunkt liegt bei zeitgenössischen Erst- und Uraufführungen sowie Klassikern, Eigenproduktionen und experimentellen Stücken. Die BlackBOX ist die Aufführungsstätte des Theaters. Sie ist seit 2019 in der Ulmer Zinglerstraße beheimatet und bietet regulär Platz für 75 Gäste.

Sicheres Theatererlebnis für mehr Publikum

Intendant Reimann und Geschäftsführerin Lisa Dietrich standen vor der Herausforderung, möglichst vielen Zuschauer*innen den Zutritt zum Theater zu gewähren und gleichzeitig die Hygienevorschriften einzuhalten. Ihre Lösung besteht aus 38 Acrylglaszuschnitten und 70 Metallverbindern: Daraus können Kabinen für bis zu 35 Zuschauer*innen eingerichtet werden.

Die Idee zu den Zuschauerkabinen entstand durch einen Beitrag des Kulturmagazins ttt – titel, thesen, temperamente. Darin wird ein Hamburger Gastronom vorgestellt, der seine Gäste in kleinen Gewächshäusern coronakonform bedient. Die einfachen Tomatenhäuser aus dem Baumarkt erwiesen sich für das Theater allerdings aufgrund der Sichtbeeinträchtigung als wenig praktikabel. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Günther Brendel entwickelten Reimann und Dietrich die Idee, aus transparenten Acrylglasscheiben und einfachen Plattenverbindern Kabinen zu bauen. Ihnen war es vor allem wichtig, dass die Kabinen flexibel und jederzeit schnell auf- und abbaubar sind.

Flexibilität zum Selberbauen

Durch das Baukastenprinzip sind die Kabinen äußerst flexibel. Mit dem Stecksystem können nicht nur Einzelplätze, sondern auch Plätze für bis zu vier Personen geschaffen werden. Zudem lässt sich auch die Raumbühne mit den variablen Scheiben vom Publikumsbereich abtrennen. Aktuell proben die Theatermacher*innen zwar nur für Open-Air-Vorstellungen, doch in absehbarer Zeit geht es auch wieder in die blackBOX. Dann kommen die Zuschauerkabinen zum Einsatz.

Theater Eurodistrict Baden Alsace

Das 2005 gegründete Theater Eurodistrict Baden Alsace mit Sitz in Offenburg und Straßburg ist das einzige binationale Theater Europas. Es ist konzipiert als eine offene deutsch-französische kulturelle Begegnungsstätte. Das Theater BAAL bringt jährlich sechs Produktionen für Kinder und Erwachsene heraus, die an 150 Vorstellungen im Jahr in Deutschland und Frankreich gespielt werden. Im Herbst 2019 eröffnete das Ensemble eine eigene Spielstätte in der Gemeinde Neuried an der Grenze zu Frankreich. Das Amphitheater im Europäischen Forum am Rhein umfasst 150 Sitzplätze.

Rollende Liveboxen

Im Theater BAAL entwickelten Intendant Edzard Schoppmann und sein Team ein einzigartiges Konzept zum Einsatz von Zuschauerkabinen aus Acrylglas: Die von Schoppmann entworfenen rollenden Liveboxen umschließen die Zuschauer*innen an allen vier Seiten und sind im Raum beweglich. Die Zuschauer*innen sitzen – unter Einhaltung der coronabedingten Hygienemaßnahmen – einzeln in den jeweiligen Kabinen. Von dort aus verfolgen sie die Aufführung und können selbst Teil davon werden. Schoppmann rechnet damit, dass mit den Boxen 15 bis 20 Plätze im Vergleich zur regulären Tribünenbestuhlung, bei der das Abstandsgebot umgesetzt werden muss, hinzugewonnen werden können.

Neue Darstellungsformate

An der Fronttür der Zuschauerkabinen sind Griffe. So können die Schauspieler*innen die Kabinen durch den Raum ziehen und die Zuschauer*innen unmittelbar in das Bühnengeschehen integrieren. Die Boxen bieten damit vielmehr als nur eine Abtrennung zwischen Bühnen- und Zuschauerbereich: die Chance zu neuen Darstellungsformaten. Schoppmann verfolgt den Ansatz, die Einschränkungen „in Kunst zu verwandeln, und so Distanzgebote, Kunstästhetik, Form und Inhalt synergetisch miteinander zu infizieren.“

Die Zuschauer*innen erleben in den Boxen das Bühnengeschehen unmittelbar. Die Grenzen zwischen Zuschauer*innen und Performer verschwinden. Distanz, Nähe, Isolation, Anpassungsfähigkeit – alle diese in der Pandemie spürbaren Themen können so künstlerisch aus neuen Blickwinkeln bearbeitet werden. Dieses zugleich bildnerische und performative Format bietet laut Schoppmann ungemeine künstlerische Chancen: „Wer ist Spieler? Wer Zuschauer? Jeder. Es entstehen so neue Blickwinkel, neue Betrachtungsweisen, neue Visionen. Kunst erfindet sich, befreit sich aus der Umklammerung der Pandemie.“

Out of the Box

Bereits im November 2020 hatten die Boxen als Teil des Projektes „Out of the Box“, einem theatralischen Online-Adventskalender, ihren ersten Auftritt: An jedem Tag im Advent traf in einer kurzen szenischen Darbietung ein prägnanter Charakter aus dem BAAL Repertoire auf die Theatergöttin. Eine Kabine diente als Bühnenbild, mit Nebel- oder Lichteffekten künstlerisch in Szene gesetzt. Die Videos können auf Youtube angeschaut werden.

Perspektivisch sollen die Zuschauerkabinen des Theaters BAAL nach der Wiederöffnung im Rahmen einer Inszenierung von Ovids „Metamorphosen“ zum Einsatz kommen, nachdem diese im Frühjahr bereits digital aufgeführt wurde. Auf Youtube gibt es den Trailer zum Stück.

Spielerische und praktikable Lösung

Die Beispiele des Akademietheaters Ulm und des Theaters BAAL zeigen, dass Zuschauerkabinen aus Acrylglas eine flexible Schutzvorrichtung darstellen, die ein spielerischer Teil eines Hygienekonzepts sein können. Gerade kleinere Spielstätten können so Abstandregeln auch bei begrenztem Raum umzusetzen und mehr Publikum zulassen. Dem Publikum ermöglichen sie ein geschütztes Theatererlebnis und neue ästhetische Erfahrungen.


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Der wiederholte Lockdown ist für das Jugendtheaterprojekt „Sommernachtstraum“ zur Geduldsprobe geworden – die Wiederaufnahme der Proben und die Aufführung sind ungewiss. Das NEUSTART Sofortprogramm unterstützt das Wiedereröffnungskonzept der Theaterbühne im Kulturverein Platenlaase.

Es ist Donnerstag vier Uhr, als auf der Theaterbühne im Kulturverein Platenlaase die Lichter angehen. Bis zu 25 Jugendliche kommen hier in der Gemeinde Jameln in Niedersachsen zusammen, um für ihr Stück „Sommernachtstraum“ nach William Shakespeare zu proben. Die Probe beginnt mit Aufwärmübungen im großen Kreis auf der Bühne. Zu Musik wird durch Improvisation die Fläche der Bühne erkundet, Stimm- und Sprechübungen bereiten auf die Szenenarbeit vor. Die Jugendlichen üben sich in schauspielerischem Hinfallen und Ohrfeigen, bevor sie in zwei Kleingruppen unter der Regie von Carolin Serafin und Henning Karge „Die Liebenden“ und „Die Elfen“ proben. Zum Abschluss zeigen sie einander die szenischen Ergebnisse und kommen noch einmal zur gemeinsamen Lieblingsimprovisation zusammen.

Theaterproben mit Sicherheitsabstand

Auf diese bewährte Art konnten die Proben für das Theaterprojekt, das über das Programm „Jugend ins Zentrum!“ des Bundesverbands Soziokultur e.V. gefördert wird, nur für eine kurze Zeit durchgeführt werden, dann machte der erste Lockdown im März 2020 einen Strich durch die Planung. Mit der Förderung durch das NEUSTART Sofortprogramm setzte der Verein ein umfassendes Schutz- und Hygienekonzept um, das die Wiederaufnahme der Proben im späten Frühjahr ermöglichte. Im Theatersaal geben Pfeile auf dem Boden ein Leitsystem vor, Desinfektionsmittelspender stehen zur Verfügung, geprobt wird nur noch in Kleingruppen – mit Sicherheitsabstand und Masken auf der Bühne. „Es ist trotzdem nicht dasselbe, es fehlt das Gefühl des Zusammenhalts, das vor allem durch das Zusammenkommen in der großen Gruppe entsteht“, erzählt Carolin Serafin.

Die Theaterprojekte im Kulturverein Platenlaase sind inzwischen ein Selbstläufer. Jugendliche aus Vorgängerprojekten wie „Legoland“ sind häufig wieder dabei und bringen Freund*innen zum nächsten Projekt mit. Die Theaterbühne ist den meisten schon seit ihrer Grundschulzeit bekannt. Hier zeigt die Freie Bühne Wendland jedes Jahr zur Weihnachtszeit ein Theaterstück, das von den umliegenden Schulen gerne besucht wird und für viele Kinder und Jugendliche oft das einzige Theatererlebnis ist. Bei diesen Aufführungen sind auf der Bühne auch Carolin Serafin und Henning Karge zu sehen, die vielen Schüler*innen darüber hinaus bereits von schulischen Theater-Workshops bekannt sind.

Herausforderung Mobilität im ländlichen Raum

Mobilität ist die größte Herausforderung, die von den Teilnehmenden bewältigt werden muss. „Im Grunde hat hier jedes Kind erschwerten Zugang zu Kunst und Kultur“, erklärt das Projektteam. Wer an den Proben teilnehmen möchte, muss lange Fahrten im Schulbus in Kauf nehmen oder ist auf engagierte Eltern angewiesen, die die Fahrt mit dem Auto übernehmen können. Wenn kein Fahrzeug zur Verfügung steht, viele Geschwisterkinder unter einen Hut zu bringen sind oder Jugendliche in öffentlichen Einrichtungen aufwachsen, kann das zu einem Hinderungsgrund für die Teilnahme werden. In einem Jahr stand den Jugendlichen ein durch den Landkreis finanziertes Jugendmobil samt Fahrer*in zur Verfügung – ein Angebot, das dauerhaft nötig wäre.

Der zweite Corona-Lockdown ist für die Schauspielgruppe zu einer Geduldsprobe geworden. Zurzeit ruhen die Proben, viel fehlt jedoch nicht mehr, um das Stück zum Abschluss und damit auch auf die Bühne zu bringen. Das webbasierte Buchungssystem und ein Sonnensegel ermöglichen die Entzerrung von Besucher*innen im Eingangsbereich. Im Theatersaal können durch die Ausarbeitung eines neuen Sitzplanes größere Abstände eingehalten werden. Die Mitarbeiter*innen sind intensiv in Hygienemaßnahmen geschult worden und blicken dem Theatersommer ebenso erwartungsvoll entgegen wie die Jugendlichen selbst. Der „Sommernachtstraum“ ist ein Stück, das gerade jetzt auf die Bühne muss, wie Henning Karge betont: „Der Sommernachtstraum ist genau das, was wir jetzt brauchen: ein lustig-buntes, schrilles, modernes, freches Stück. Ein Feuerwerk nach Corona!“

Ein Radiobeitrag zum Thema findet sich auf der Webseite des Vereins: https://www.platenlaase.de/radio-zusa-ueber-das-jugendtheater-in-platenlaase

Platenlaase Preview: Die Schauspieler*innen stellen Charaktere des Sommernachtstraums vor

Für alle, die genug vom Homeoffice haben, für alle, denen Netflix auf der Couch nicht reicht und für alle, die endlich wieder ins Theater gehen wollen, haben einige Jungschauspieler*innen vom Kulturverein Platenlaase Figuren und Szenen zusammengestellt, die Lust machen, den ganzen Sommernachtstraum zu sehen. Live und in Farbe und vor Ort. Vorhang auf!

Hermia

Hermia ist etwas zickig und eingebildet, aber auch emotional und empfindlich. Sie liebt Lysander sehr und würde so einiges auf sich nehmen, um mit ihm zusammen sein zu können. Meine Lieblingsszene ist der Morgen von Theseus‘ und Hippolytas Hochzeit, als die vier Liebenden aufwachen. Sie reden gemeinsam über ihre Erlebnisse und Erinnerungen an die Nacht und all der Schmerz, die Sorge, der Zweifel und die Wut scheinen wie ausgelöscht. Die vier sind sich einig und gehen als Gruppe gemeinsam zur Hochzeit von Theseus und Hippolyta. (Karla, 15)

Handwerker Schnauz

Handwerker Schnautz

Ich bin Kevin und bin in einer Wohngruppe in Dannenberg. Ich spiele im Stück den Handwerker Schnauz. Schnauz ist ein sehr verpeilter Handwerker, ich glaube sogar, der dümmste. Ich mag diese Rolle, man hat wenig Text, aber muss sehr viel an seiner Mimik üben. Außerdem macht die Zusammenarbeit mit Carolin und Henning sehr viel Spaß. Die Gruppe ist auch ganz nett und ich komme gut mit allen klar.
Ich hoffe, wir können dieses Stück noch aufführen. (Kevin, 15)

Elf Senfsamen

Elf Senfsamen
Senfsamen ist ein Elf, der seiner Königin zwar jeden Wunsch erfüllt und zu seinen Artgenossen hält, zu anderen Gestalten aber häufig giftig und biestig ist. Er kann jedoch auch niedlich sein, wenn er will. (Was allerdings sehr selten der Fall ist.) Ich fühle mich sehr wohl in der Rolle, da Senfsamen sich wild und natürlich, nicht so zivilisiert verhält, was ich total mag, da ich Zivilisation manchmal echt nervig finde. Meine Lieblingsszene ist, als Oberon und Titania sich mit großem Spektakel um das Waisenkind streiten. (Marina, 14)

Handwerker Peter Squenz

Handwerker Squenz

Squenz ist ein androgyner und sehr liebenswürdiger Charakter und kann kaum jemandem böse werden. Dass er jedoch recht unsicher ist und nicht gerade das höchste Maß an Geduld hat, wird besonders deutlich durch die (möglicherweise ungewollten) Provokationen des Handwerkers Klaus Zettel.
Squenz liebt die Kunst und ist doch nicht wirklich künstlerisch, was ihm jedoch zum Leid anderer entgeht. Seine loyale und äußerst ehrliche Art ist bewundernswert und besonders in der Szene, in welcher Zettel vermisst wird, berührt mich seine zutiefst ehrliche Sorge jedes Mal. (Ron, 19)

Elfenkönig Oberon

Elfenkönig Oberon

Oberon ist im Streit mit seiner Frau Titania und belegt sie deswegen mit einem Zauber. Er ist ein temperamentvoller Herrscher, der sehr von sich überzeugt ist. Er ist cholerisch und lässt sich ungern auf der Nase herumtanzen. Zusammen mit seinem Gefolge und seinem Diener Puck setzt er seine Meinung immer durch. Gerade, weil ich normalerweise ein etwas ruhigerer Mensch bin, ist es sehr toll, eine so andere Rolle auf der Bühne zu verkörpern. Meine Lieblingsszene ist die erste Szene von Oberon und Titania. Sie streiten sich, aber neben dem Streit merkt man auch, dass die beiden Figuren sich sehr vertraut sind. (Hagen, 16)

Eine andere Version dieses Textes ist erschienen in SOZIOkultur Heft 1/2021


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Das NEUSTART Sofortprogramm ermöglichte Museen, neue digitale Vermittlungsstrategien für den Museumsbesuch zu entwickeln. Die Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung im Münsterland, die Museen der Stadt Schwedt/Oder und die Saigerhütte im Erzgebirge haben mit multimedialen Angeboten digitale Zugänge zu ihren Ausstellungen geschaffen. So entstand vielerorts das erweiterte Museum.

Eine Virtual-Reality-Brille, kurz VR-Brille, zeigt eine digitale künstliche Welt, die die Realität widerspiegelt. Das Haus Rüschhaus im Münsterland, viele Jahre der Wohnsitz der Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff, hat zwei VR-Brillen angeschafft. Damit können die Besucher*innen in einem 360 Grad Rundgang die Wohnräume der berühmten Literatin kennenlernen, ohne direkt durch die Räume zu gehen. Die Enge des Hauses lässt eine Besichtigung unter Einhaltung der Abstandsregeln kaum zu, deshalb ermöglicht der virtuelle Rundgang die Aufrechterhaltung des Kulturangebots während der Pandemie.

Ein neuer Blick auf Exponate

Viele Museen bewegen sich beim Einsatz der futuristischen Brillen auf Neuland. „Es wird eine neue ästhetische Sicht entwickelt“, betont Kerstin Mertenskötter, Projektleiterin von Droste Digital. Die 360-Grad-Aufnahmen, die sich mit den VR-Brillen betrachten lassen, gewähren durch Heranzoomen und den Einsatz von Lichteffekten einen neuen Blick auf die ausgestellten Exponate. Kerstin Mertenskötter ist überrascht, wie gut das Angebot der VR-Brillen über die Altersgruppen hinweg angenommen wurde: „Auch die Menschen, die damit zunächst nichts anfangen konnten, waren nach dem 20-minütigen Rundgang begeistert. Familien, die eine Fahrradtour zur Burg Hülshoff gemacht haben, legten eine Pause ein und Kinder sind gezielt zu den VR-Brillen gegangen.“

Als weiteres digitales Angebot sind vier Videos zu Befreundeten Objekten entstanden, die von den Mitarbeiter*innen vorgestellt werden. Autor*innen haben dazu Texte verfasst und sie selbst eingelesen. Auch während der Schließung der Einrichtung können Interessierte sich Objekten wie der Kutsche, mit der Annette Droste-Hülshoff nach Münster fuhr, oder dem Herd als Zentrum der historischen Küche annähern.

Digitale Wissensvermittlung außerhalb der Museumsmauern

Für Kerstin Mertenskötter liegen die Vorteile der neuen digitalen Angebote klar auf der Hand: Es müssen keine großen Anfahrten zurückgelegt werden, um einen Einblick in museale Inhalte zu bekommen. Bilder und Videos außerhalb der Museumsmauern zur Verfügung zu stellen, bauen Berührungs- und Schwellenängste ab. Nutzer*innen bekommen Zugang zu den Museumsinhalten in ihrer vertrauten Umgebung, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Auch Menschen deren Mobilität eingeschränkt ist, können nun die Lebenswelt der berühmten Dichterin in Bild und Ton kennenlernen.

Das digitale Angebot ist dennoch eher eine Ergänzung des realen Museumsbesuchs als ein Ersatz. Die körperlich-sinnliche Dimension können Interessierte am intensivsten vor Ort erleben: Auf der kopfsteingepflasterten Burgzufahrt scheinen Gäst*innen noch das Pferdegetrappel der adeligen Kutsche zu hören, die die Dichterin für Reisen etwa ins vier Kilometer entfernte Münster nutzte. In der historischen Küche sticht den Besucher*innen Jahrhunderte alter Rußgeruch in die Nase.

Kontaktloser Abruf von Informationen mit individueller Route

Ganz real, dafür aber auf eigene Faust, lassen sich die historischen Bauten der ehemaligen Industriegemeinde Saigerhütte Olbernhau-Grünthal erkunden. Das Gelände im sächsischen Erzgebirge war jahrhundertelang ein Zentrum zur Gewinnung von Buntmetallen aus Erzen. Die Saigerhütte ist als Teil der Montanregion Erzgebirge seit 2019 UNESCO-Welterbe. Auf dem großflächigen Museumsareal befinden sich zahlreiche bauliche Denkmäler. Das Zentrum stellt die 1562 errichtete Lange Hütte dar.

Als Alternative zu persönlichen Führungen startete die Stadt Olbernhau ein bislang einzigartiges Projekt: Über Multimediasäulen, sogenannte Stecknadeln, sind Informationen direkt am jeweiligen Standort abrufbar. Damit wird eine kontaktlose Geländeführung rund um die Uhr ermöglicht. „Mit diesem neuartigen Stecknadelsystem werden die Besucher*innen in die Lage versetzt, sich kontaktlos im Gelände zu Häusern, Geschichte, Leben und Arbeit zu informieren“, erklärt Udo Brückner, Betriebsleiter für Kultur und Tourismus in Olbernhau. Die Stecknadelsäulen arbeiten mit Infrarot und Bewegungsmeldern, so dass ein Berühren nicht erforderlich ist. Die Besucher*innen erhalten zu Beginn eine Karte mit RFID-Chip, der die Kommunikation mit den Säulen übernimmt. So ausgerüstet bewegen sie sich frei über das Gelände und erhalten an den Säulen Informationen zu den jeweiligen Knotenpunkten. Ein weiterer Vorteil des Stecknadelsystems ist, dass die Besichtigung auf die individuellen Bedürfnisse der Besucher*innen angepasst werden kann: Je nach Altersgruppe, Vorkenntnissen und zur Verfügung stehender Zeit schlägt das System eine passende Route vor.

Mehr Orientierung im Gelände

Mit den frei wählbaren Routen wird das gesamte Gelände erschlossen. „Die Besucher*innen sind häufig orientierungslos durch das weitläufige Gelände gegangen und haben bestimmte Bereiche vernachlässigt“, schildert Udo Brückner. So wird beispielsweise der zuvor kaum beachtete Hüttenteich, in welchem das Wasser zum Antrieb von Wasserrädern gespeichert war, in den Routen berücksichtigt. Wer anstatt der Säulen sein Smartphone einsetzen möchte, kann eine Erweiterung für weitere zwölf Informationspunkte nutzen. Natürlich werden – abhängig von den Corona-Verordnungen – auch weiterhin Gruppenführungen angeboten. Doch für Menschen, die ihren Besuch individuell gestalten möchten, hat das Museum mit der neuen Technik ein attraktives Angebot auf dem Museumsareal umgesetzt.

Abbau von Barrieren durch Digitalisierung

Die an der Grenze zu Polen gelegene Stadt Schwedt/Oder hat für ihr Stadtmuseum, das Ritualbad und das Tabakmuseum einen 360 Grad Rundgang produzieren lassen. Auf der Webseite können Interessierte von Zuhause aus die Stufen des jüdischen Ritualbads hinabsteigen, im Gebetbuch des Martin Graf von Hohenstein blättern und die Geschichte des Tabakanbaus an der Unteren Oder kennenlernen. „Die Digitalisierung baut Barrieren ab. Auch Menschen, die physisch nicht in der Lage sind, die Museen zu besuchen, können einen Blick auf die Schwedter Geschichte werfen. Während der Pandemie-bedingten Schließung ist der virtuelle Rundgang ein Schatz für die Häuser“, erklärt Museumsleiterin Anke Grodon.

Auch in Post-Corona-Zeiten werden die digitalen Inhalte den Musemsbesuch bereichern. Die digitale Vermittlung der Museumsinhalte ist dank der neuen Audio- und Videoguides auf eine neue Ebene gehoben worden. Damit ist eine zukunftsweisende, innovative Lösung zur kulturellen Teilhabe für alle geschaffen, die dankbar von den Besuchern angenommen wird. Außerdem besteht jetzt die Möglichkeit, Museen, die lediglich saisonal geöffnet sind, ganzjährig digital zu besuchen. Anke Grodon gibt allerdings zu bedenken: „Das Digitale ist eine Möglichkeit der Überbrückung, eine Chance, im Gespräch zu bleiben. Aber es darf nicht der Eindruck entstehen, dass Museen keinen Platz mehr brauchen.“ Das Museum als Ort der Wissensvermittlung, der Begegnung und des Austausches hat auch im digitalen Zeitalter seine Berechtigung.

Digitale Öffnung der Museen als Folge der Corona-Pandemie

Konfrontiert mit Schließungen und Kontaktbeschränkungen während der Pandemie haben Museen in die Digitalisierung der Ausstellungsvermittlung investiert. Insbesondere kleinere Einrichtungen betraten damit Neuland. Unter Pandemiebedingungen dienten die digitalen Formate dazu, den Kontakt mit den Menschen aufrechtzuerhalten oder die Zugänglichkeit von Objekten zu gewährleisten. Doch den persönlichen Besuch vollständig ersetzen können digitale Rundgänge nicht, da die körperlich-sinnliche Dimension für das Erleben eines historischen Ortes elementar ist. In der Post-Corona-Zeit werden digitale Angebote den analogen Museumsbesuch ergänzen und vertiefen.

Damit ergeben sich insbesondere für Museen in Regionen abseits großer Touristenströme Chancen, neue Zielgruppen anzusprechen und Barrieren abzubauen. Die digitalen Angebote müssen den Nutzer*innen einen Mehrwert liefern. Die Beispiele haben gezeigt, wie dieser Mehrwert aussehen kann: Ganze Ausstellungen können unabhängig von Ort und Zeit besichtigt werden, Besuche individueller und partizipativer gestaltet werden sowie neue ästhetische Erlebnisse geschaffen werden. So kann die Krise als Ausgangspunkt einer umfassenden digitalen Öffnung der Museen und einer neuen Ära musealen Erlebens dienen.


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