Der Theaterbetrieb läuft wieder an. Allerdings wegen der geltenden Abstands- und Hygieneregeln mit reduziertem Sitzplatzkontingent. Für kleinere Theater ist die geringe Auslastung wenig rentabel. Zuschauerkabinen können eine Lösung sein und bieten zugleich Raum für künstlerische Ideen.

Zuschauerkabinen bieten in Verbindung mit einer leistungsstarken Lüftungsanlage Schutz vor Ansteckungen in beengten Räumlichkeiten. Gerade kleinere Theater wie das Akademietheater Ulm können mit den Kabinen aus Acryl- beziehungsweise Plexiglas die Platzanzahl lohnend erhöhen. Für das Theater Eurodistrict Baden Alsace (BAAL) ist – neben den zusätzlichen Sitzplätzen – der künstlerische Mehrwert durch die Variabilität der Zuschauerkabinen und deren Einbindung in die Inszenierung von großer Bedeutung.

Akademietheater Ulm

Das 1994 von Ralf Rainer Reimann gegründete Akademietheater Ulm ist eine der ältesten Kultureinrichtungen der freien Szene in der schwäbischen Universitätsstadt. Der programmatische Schwerpunkt liegt bei zeitgenössischen Erst- und Uraufführungen sowie Klassikern, Eigenproduktionen und experimentellen Stücken. Die BlackBOX ist die Aufführungsstätte des Theaters. Sie ist seit 2019 in der Ulmer Zinglerstraße beheimatet und bietet regulär Platz für 75 Gäste.

Sicheres Theatererlebnis für mehr Publikum

Intendant Reimann und Geschäftsführerin Lisa Dietrich standen vor der Herausforderung, möglichst vielen Zuschauer*innen den Zutritt zum Theater zu gewähren und gleichzeitig die Hygienevorschriften einzuhalten. Ihre Lösung besteht aus 38 Acrylglaszuschnitten und 70 Metallverbindern: Daraus können Kabinen für bis zu 35 Zuschauer*innen eingerichtet werden.

Die Idee zu den Zuschauerkabinen entstand durch einen Beitrag des Kulturmagazins ttt – titel, thesen, temperamente. Darin wird ein Hamburger Gastronom vorgestellt, der seine Gäste in kleinen Gewächshäusern coronakonform bedient. Die einfachen Tomatenhäuser aus dem Baumarkt erwiesen sich für das Theater allerdings aufgrund der Sichtbeeinträchtigung als wenig praktikabel. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Günther Brendel entwickelten Reimann und Dietrich die Idee, aus transparenten Acrylglasscheiben und einfachen Plattenverbindern Kabinen zu bauen. Ihnen war es vor allem wichtig, dass die Kabinen flexibel und jederzeit schnell auf- und abbaubar sind.

Flexibilität zum Selberbauen

Durch das Baukastenprinzip sind die Kabinen äußerst flexibel. Mit dem Stecksystem können nicht nur Einzelplätze, sondern auch Plätze für bis zu vier Personen geschaffen werden. Zudem lässt sich auch die Raumbühne mit den variablen Scheiben vom Publikumsbereich abtrennen. Aktuell proben die Theatermacher*innen zwar nur für Open-Air-Vorstellungen, doch in absehbarer Zeit geht es auch wieder in die blackBOX. Dann kommen die Zuschauerkabinen zum Einsatz.

Theater Eurodistrict Baden Alsace

Das 2005 gegründete Theater Eurodistrict Baden Alsace mit Sitz in Offenburg und Straßburg ist das einzige binationale Theater Europas. Es ist konzipiert als eine offene deutsch-französische kulturelle Begegnungsstätte. Das Theater BAAL bringt jährlich sechs Produktionen für Kinder und Erwachsene heraus, die an 150 Vorstellungen im Jahr in Deutschland und Frankreich gespielt werden. Im Herbst 2019 eröffnete das Ensemble eine eigene Spielstätte in der Gemeinde Neuried an der Grenze zu Frankreich. Das Amphitheater im Europäischen Forum am Rhein umfasst 150 Sitzplätze.

Rollende Liveboxen

Im Theater BAAL entwickelten Intendant Edzard Schoppmann und sein Team ein einzigartiges Konzept zum Einsatz von Zuschauerkabinen aus Acrylglas: Die von Schoppmann entworfenen rollenden Liveboxen umschließen die Zuschauer*innen an allen vier Seiten und sind im Raum beweglich. Die Zuschauer*innen sitzen – unter Einhaltung der coronabedingten Hygienemaßnahmen – einzeln in den jeweiligen Kabinen. Von dort aus verfolgen sie die Aufführung und können selbst Teil davon werden. Schoppmann rechnet damit, dass mit den Boxen 15 bis 20 Plätze im Vergleich zur regulären Tribünenbestuhlung, bei der das Abstandsgebot umgesetzt werden muss, hinzugewonnen werden können.

Neue Darstellungsformate

An der Fronttür der Zuschauerkabinen sind Griffe. So können die Schauspieler*innen die Kabinen durch den Raum ziehen und die Zuschauer*innen unmittelbar in das Bühnengeschehen integrieren. Die Boxen bieten damit vielmehr als nur eine Abtrennung zwischen Bühnen- und Zuschauerbereich: die Chance zu neuen Darstellungsformaten. Schoppmann verfolgt den Ansatz, die Einschränkungen „in Kunst zu verwandeln, und so Distanzgebote, Kunstästhetik, Form und Inhalt synergetisch miteinander zu infizieren.“

Die Zuschauer*innen erleben in den Boxen das Bühnengeschehen unmittelbar. Die Grenzen zwischen Zuschauer*innen und Performer verschwinden. Distanz, Nähe, Isolation, Anpassungsfähigkeit – alle diese in der Pandemie spürbaren Themen können so künstlerisch aus neuen Blickwinkeln bearbeitet werden. Dieses zugleich bildnerische und performative Format bietet laut Schoppmann ungemeine künstlerische Chancen: „Wer ist Spieler? Wer Zuschauer? Jeder. Es entstehen so neue Blickwinkel, neue Betrachtungsweisen, neue Visionen. Kunst erfindet sich, befreit sich aus der Umklammerung der Pandemie.“

Out of the Box

Bereits im November 2020 hatten die Boxen als Teil des Projektes „Out of the Box“, einem theatralischen Online-Adventskalender, ihren ersten Auftritt: An jedem Tag im Advent traf in einer kurzen szenischen Darbietung ein prägnanter Charakter aus dem BAAL Repertoire auf die Theatergöttin. Eine Kabine diente als Bühnenbild, mit Nebel- oder Lichteffekten künstlerisch in Szene gesetzt. Die Videos können auf Youtube angeschaut werden.

Perspektivisch sollen die Zuschauerkabinen des Theaters BAAL nach der Wiederöffnung im Rahmen einer Inszenierung von Ovids „Metamorphosen“ zum Einsatz kommen, nachdem diese im Frühjahr bereits digital aufgeführt wurde. Auf Youtube gibt es den Trailer zum Stück.

Spielerische und praktikable Lösung

Die Beispiele des Akademietheaters Ulm und des Theaters BAAL zeigen, dass Zuschauerkabinen aus Acrylglas eine flexible Schutzvorrichtung darstellen, die ein spielerischer Teil eines Hygienekonzepts sein können. Gerade kleinere Spielstätten können so Abstandregeln auch bei begrenztem Raum umzusetzen und mehr Publikum zulassen. Dem Publikum ermöglichen sie ein geschütztes Theatererlebnis und neue ästhetische Erfahrungen.


Weitere Informationen: